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Der PM als Chamäleon im Spannungsfeld verschiedener Persönlichkeitstypen

📘 Buchtipp für Produktmanager: „Alles Idioten? Endlich verstehen, wie andere ticken.“

Mit „Alles Idioten?“ ist Thomas Erikson bereits 2011 ein echter Bestseller rund um Kommunikation und Stakeholder-Management gelungen. Auf Basis seiner langjährigen Praxiserfahrung als Verhaltensexperte und Leadership-Coach beschreibt er vier Persönlichkeitstypen, die ähnlich ticken – und vor allem ähnlich angesprochen werden wollen. Ziel: Beziehungen bewusster nutzen, schneller vorankommen und dabei möglichst harmonisch bleiben.

Wer kennt sie nicht, diese Gedanken nach zähen Diskussionen oder gescheiterten Überzeugungsversuchen?
„Das müsste doch jeder verstehen …“ oder „Was ist daran so kompliziert?“ 🤯
Genau hier setzt das Buch an.

Das DISC-Modell – einfach erklärt

Die Grundlage bildet das sogenannte DISC-Modell (deutsch häufig DISG), dessen Ursprung bis in die 1920er-Jahre zurückgeht. Der amerikanische Psychologe William Moulton Marston beschrieb bereits 1928 in „Emotions of Normal People“ vier grundlegende Verhaltensstile. Erikson greift dieses Modell auf, übersetzt es in die Praxis – und macht es vor allem leicht verständlich.

Die vier Typen:

🔴 D – Dominance (Dominanz)
Durchsetzungsstark, entscheidungsfreudig, ziel- und ergebnisorientiert.

🟡 I – Influence (Einfluss)
Kommunikativ, begeisternd, optimistisch, überzeugend.

🟢 S – Steadiness (Stetigkeit)
Geduldig, loyal, ruhig, harmonie- und stabilitätsorientiert.

🔵 C – Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit)
Analytisch, präzise, strukturiert, detail- und qualitätsorientiert.

Um das Ganze noch einprägsamer zu machen, ordnet Erikson jedem Typ eine Farbe zu. Im Buch ist daher durchgehend von ROTEN, GELBEN, GRÜNEN und BLAUEN die Rede – was der Lesbarkeit definitiv zugutekommt 👍

Vereinfachung? Ja. Hilfreich? Absolut.

Natürlich ist klar: Jeder Mensch ist einzigartig, und jedes Modell ist eine Vereinfachung der Realität. Aus meiner eigenen Erfahrung nach über 30 Berufsjahren kann ich die beschriebenen Typen und ihre Eigenheiten jedoch sehr gut wiedererkennen. Als grober Kompass, um sich besser auf sein Gegenüber einzustellen, funktioniert die Einteilung in vier Kategorien erstaunlich gut.

Das Buch startet mit der Erklärung des Modells und widmet anschließend jedem Persönlichkeitstyp ein eigenes Kapitel – inklusive Stärken, Schwächen und typischer Verhaltensmuster. Ergänzt wird das Ganze durch praxisnahe Themen wie Körpersprache und deren Wirkung.

Aufgelockert wird der Inhalt immer wieder durch persönliche Anekdoten – etwa von einem feuchtfröhlichen Betriebsfest 🍷, bei dem sich die Grenzen zwischen 🔴, 🟡, 🟢 und 🔵 unter Alkoholeinfluss plötzlich deutlich verschoben haben …

Der eigentliche Mehrwert: konkrete Handlungstipps

Besonders wertvoll wird das Buch dort, wo es um die Praxis geht: Wie kommuniziere ich wirksam mit den unterschiedlichen Typen? Wie schaffe ich Klarheit, ohne unnötige Reibung? Und wie gebe ich Feedback oder Kritik, ohne mir selbst zu schaden? 😬

Erikson zeigt außerdem, worauf es bei schriftlicher Kommunikation ankommt und welche typischen Stressauslöser man bei den einzelnen Persönlichkeitstypen besser vermeiden sollte.

Das alles ist bewusst nicht wissenschaftlich, sondern alltagsnah geschrieben. Fachbegriffe werden weitgehend vermieden, stattdessen wird Klartext gesprochen. An manchen Stellen sind die Charaktere etwas überspitzt dargestellt – was zwar den wissenschaftlichen Anspruch schmälert, dafür aber auch für den einen oder anderen Lacher sorgt 😄

Quellen oder Studien sucht man vergeblich. Persönlich hätte ich mir hier etwas mehr Tiefe gewünscht, das schmälert den praktischen Nutzen aber kaum.

🚀 Fazit aus Produktmanagement-Sicht

Unterm Strich ist „Alles Idioten?“ ein leicht lesbares, praxisnahes Buch, das gerade für die Schnittstellenfunktion des Produktmanagements wertvolle Orientierung im Stakeholder-Dschungel bietet. Weniger als Dogma, mehr als Denkanstoß – und genau darin liegt seine Stärke.

Die vier Farben im Schnelldurchlauf

🔴 ROT
Menschen mit starkem ROTEN Anteil sind entschlossen, durchsetzungsfähig und stark auf Ergebnisse fokussiert. Sie handeln schnell, übernehmen gern Verantwortung und wollen Dinge vorantreiben. Herausforderungen motivieren sie, Wettbewerb spornt sie an. Sie kommunizieren direkt, manchmal konfrontativ, und erwarten Klarheit sowie Effizienz. Geduld für langwierige Diskussionen oder emotionale Feinheiten haben sie wenig. Unter Stress können sie kontrollierend oder rücksichtslos wirken, schätzen jedoch Kompetenz, Eigenständigkeit und messbare Erfolge bei anderen.

🟡 GELB
GELBE Typen sind kontaktfreudig, optimistisch und begeisterungsfähig. Sie denken laut, erzählen gern Geschichten und gewinnen andere durch Charisma und Emotionen. Beziehungen, Anerkennung und positive Stimmung sind ihnen wichtig. Sie bringen Energie und Kreativität in Gruppen und motivieren durch Visionen. Struktur, Details und Routinen fallen ihnen jedoch schwer, ebenso konsequentes Nachhalten. Unter Druck neigen sie zu Unverbindlichkeit oder Übertreibung, wirken aber inspirierend und verbindend.

🟢 GRÜN
Die GRÜNEN sind ruhig, loyal und verlässlich. Sie legen großen Wert auf Harmonie, Sicherheit und stabile Beziehungen. Veränderungen begegnen sie vorsichtig, unterstützen jedoch andere geduldig und konstant. Sie hören gut zu, arbeiten sorgfältig im Team und sind verlässliche Stützen im Alltag. Konflikte meiden sie möglichst und stellen eigene Bedürfnisse oft zurück. Unter Stress können sie passiv oder nachgiebig wirken, schätzen aber Wertschätzung, klare Erwartungen und ein respektvolles Miteinander.

🔵 BLAU
Last but not least – unsere BLAUEN Zeitgenossen sind analytisch, detailorientiert und stark qualitätsbewusst. Sie treffen Entscheidungen auf Basis von Daten, Logik und klaren Kriterien. Ordnung, Regeln und Präzision geben ihnen Sicherheit. Sie arbeiten gründlich, planen voraus und vermeiden Risiken. Emotionale oder spontane Entscheidungen liegen ihnen weniger. Unter Druck können sie überkritisch, zögerlich oder perfektionistisch wirken. Sie schätzen Fachkompetenz, Genauigkeit und sachliche Kommunikation ohne unnötige Emotionen.

📊 Bonus:

Da sich all das visuell noch besser einprägt, habe ich die wichtigsten Erkenntnisse in einer Infografik zum Download zusammengefasst. Perfekt für die Wand oder den Wandschrank in Eurer Nähe – denn vieles wird leichter, wenn wir uns bewusst machen, wer uns gerade gegenübersitzt.

In diesem Sinne:

Lang lebe der Produktmanager bzw. die Produktmanagerin, der oder die sich – ganz chamäleonartig 🦎 – je nach Situation 🔴, 🟡, 🟢 oder 🔵 zeigt.

Viel Spaß beim Lesen! 🚀

Euer Thomas

Effektives Stakeholder Management: Vom Stolperstein zum strategischen Pluspunkt

von Thomas Moder – zügig vorankommen statt mit dem Kopf gegen die Wand

Stakeholder Management ist eine der wichtigsten, aber oft unterschätzten Disziplinen im Produktmanagement. Wer seine Stakeholder nicht aktiv einbindet, verliert schnell an Einfluss, Zeit und Motivation. Doch wie gelingt es, die richtigen Personen zum richtigen Zeitpunkt zu erreichen? Wie schafft man Vertrauen und baut stabile Beziehungen auf?

Dazu haben wir im Juni ein Webinar durchgeführt und obige Fragen fundiert beantwortet. In diesem Beitrag beleuchten wir die zentralen Erkenntnisse daraus – praxisnah, strukturiert und mit konkreten Umsetzungstipps. Viele Inspirationen, Tipps und Tricks habe ich aus dem Buch „Aligned – Stakeholder Management for Product Leaders“ von Bruce McCarthy und Melissa Appel entnommen – die Ausführungen von Bruce und Melissa decken sich dabei zu 100% mit meinen 25 Jahren Erfahrung in Fach- und Führungspositionen im Produktmanagement.

Wichtige Stakeholder gibt es natürlich innerhalb und ausserhalb unseres Unternehmens (Kunden, Nutzer, Partner, …). Ich möchte in diesem Beitrag aber in erster Linie einen genaueren Blick auf unsere internen Stakeholder werfen. Viele Prinzipien und Denkweisen lassen sich aber ebenso auf den Umgang mit externen Stakeholdern übertragen.

Warum Stakeholder Management entscheidend für den Produkterfolg ist

Wichtige Stakeholder beeinflussen Entscheidungen, Ressourcen und Prioritäten. Ohne ihre Unterstützung kann ein Produktvorhaben ins Stocken geraten – selbst wenn es aus Sicht des Markts vielversprechend ist. Die gezielte Einbindung relevanter Stakeholder hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen, Mehrwert klar zu kommunizieren und letztlich Widerstände zu minimieren.

Doch Stakeholder Management ist mehr als reine Kommunikation. Es geht um Beziehungsarbeit, Machtstrukturen, Empathie und diplomatisches Geschick. Dass sich dabei nicht alle Produktmanager*innen wohl fühlen, zeigt ein Blick auf unsere kurze LinkedIn Umfrage – nur ein Viertel der Teilnehmer fühlen sich beim Thema Stakeholder Management „zu Hause“. Das überrascht vielleicht auf den ersten Blick, ist aber durchaus verständlich – gehört es doch zu einem effektiven Stakeholder Management, ab und zu die eigene Komfortzone zu verlassen.

Die vier Schlüsselelemente erfolgreichen Stakeholder Managements

Wer die Klaviatur erfolgreichen Stakeholder Managements professionell spielen will, der muß 4 Dinge beherrschen

  1. Organisationen verstehen, um die wichtigsten Einflußnehmer und Entscheider zu identifizieren.
  2. Persönlichkeitsstile und Motivation dieser wichtigen Stakeholder verstehen und adressieren.
  3. Beziehungen knüpfen, um möglichst immer Zugang und Zugriff auf die wichtigen Entscheider zu haben.
  4. Geknüpfte Beziehungen durch Vertrauen und Respekt stärken.

Diese vier Elemente bilden die wesentliche  Grundlage aller Aktivitäten, Best Practices, Tipps und Tricks rund um das Thema Stakeholder Management.

Organisationen verstehen: Wer hat wirklich Einfluss?

Nicht alle Stakeholder sind gleich wichtig. Einfluss und Entscheidungsbefugnisse hängen stark von der Organisationsstruktur ab. Bruce McCarthy und Melissa Appel unterscheiden in Ihrem Buch 4 typische Organisationsformen:

  • Funktionale Organisationen: Starke Linienmanager dominieren. Entscheidungen sind oft abteilungszentriert. Für uns Produktmanager*innen bedeutet das, dass Produktentscheidungen oft außerhalb des eigentlichen Produktteams getroffen werden.
  • Wertstrom-orientierte Organisationen: Hier haben interdisziplinäre Produktteams hohe Entscheidungsautorität. Der Fokus der Unternehmen liegt auf Produktmetriken wie NPS, Konversion oder Nutzung. Für uns Produktmanager*innen die beste Situation. Entscheidungen werden in Team getroffen, welches das Produkt auch umsetzt.
  • Matrix-Organisationen: Linien- und Produktverantwortung teilen sich hier den Einfluss. Das erzeugt Reibungen, stellt aber auch eine produktübergreifende Abstimmung und Koo0rdination sicher. Größter Nachteil ist die große Anzahl an Stakeholdern, die hier involviert sein woillen.
  • Divisionale Strukturen: Werden Unternehmen zu groß, dann bilden sich autonome Einheiten mit eigener Ergebnisverantwortung. Die entscheidenden Stakeholder sitzen dann in der „eigenen“ Division – die selbst wieder als Matrix, Funktion oder Wertstrom organisiert sein kann.

Ein Blick aufs Organisgramm reicht aber nicht. In jedem Unternehmen gibt es die sogenannten Power Player. Diese Schlüsselfiguren tauchen im Organigramm vielleicht nicht auf, haben aber großen Einfluss (z. B. als „CEO-Flüsterer“) auf viele Dinge, die im Unternehmen vor sich gehen. Ihre Identifikation und Einbindung kann entscheidend sein.

Tipp: Verwende Tools wie ein Stakeholder-Grid, eine Stakeholder Map oder den im Buch von Bruce und Melissa beschriebene Stakeholder Canvas, um Macht und Einfluss sichtbar zu machen.

Stakeholder Canvas aus dem Buch
„ALIGNED – Stakeholder Management for Product Leaders“

Personen verstehen: Stakeholder als Menschen wahrnehmen

Jenseits der Organisationsstruktur sind Stakeholder vor allem eines: Menschen mit Bedürfnissen, Sorgen, Zielen und Eigenheiten. Diese gilt es für uns Produktmanager*innen zu verstehen und dabei deren Perspektive einzunehmen. Ganz konkret bedeutet das, die eigene Forderung („Ich möchte, dass mein Stakeholder…“) zurückzustellen und zunächst durch die Brille der Stakeholder zu betrachten („Als Stakeholder möchte ich… damit…“).

Und bei dieser Art Formulierung muß es bei allen Produktmanager*innen klingeln, weil wir nichts anderes vor uns haben als das Format einer „User Story“ – lediglich den User haben wir durch den Stakeholder ersetzt. Statt Product Discovery haben wir Stakeholder Discovery zu betreiben.

Neben den – recht rollenspezifischen – Motivationen haben Entscheider und Einflußnehmer aber auch alle ihren ur-eigenen Persönlichkeitsstil. Die alten Griechen haben sich bereits mit den 4 Temperamenten beschäftigt – ein aktuelleres Werk stammt vom US Ehepaar Bolton aus dem Jahr 1996 und trägt den Titel „People Styles at Work – Making Bad Relationships Good and Good Relationships Better“ (hier geht’s zu einer kurzen Zusammenfassung auf Youtube) Die Boltons unterscheiden dabei 4 Persönlichkeitsstile:

  1. Analytisch: strukturiert, sachlich, detailorientiert
  2. Treibend: ergebnisfokussiert, direkt, entscheidungsstark
  3. Liebenswert: hilfsbereit, loyal, harmoniesuchend
  4. Expressiv: enthusiastisch, kreativ, spontan

Für jeden dieser Stile geben sie eine Menge Tipps in Ihrem Buch, wie man sie anpackt und was man besser bleiben lässt. In Abhängigkeit davon, welche Rolle die Person im Entscheidungsprozess einnehmen, können wir sie im Stakeholder Canvas als Driver (Verantwortliche), Approver (Entscheider), Contributor (Beitragende) oder Informed (Informierte) eintragen und vervollständigen somit unsere Stakeholder Landkarte.

Kommunikationstipp: Passe deinen Kommunikationsstil dem Typus an. Treibende wollen schnelle Ergebnisse, Analytiker Fakten, Liebenswerte Empathie und Expressive Begeisterunng.

Beziehungen aufbauen: Der unterschätzte Erfolgsfaktor

Fachliche Argumente reichen oft nicht aus. Entscheidend ist die zwischenmenschliche Ebene. Vier Ansatzpunkte sind beim Aufbau von guten Beziehungen dabei besonderas wichtig

  1. Bezug/Gemeinsamkeiten finden: Small Talk über Hobbys, Sport oder Familie schafft einerseits Vertrauen, dient andererseits aber immer als guter Einstieg in ein längeres Gespräch
  2. Respekt zeigen: Respekt bedeutet Wertschätzung für die Zeit, Meinung und das Wissen des Gegenübers. Solche Wertschätzung lässt sich wenig aufwändig durch Pünktlichkeit erweisen, mit etwas mehr Aufwand dadurch, dass man seine Kommunikation stets an den Kenntnisstand seines Gegenübers anpasst.
  3. Empathie leben: Aktives Zuhören und offene Fragen zu stellen, sind Voraussetzungen, wirklich am emotionalen Gemütszustands des Gegenübers teilzuhaben. Das Widerspiegeln des Gesagten in eigenen Worten demionstriert, dass ich tatsächlich zuhöre und den anderen nicht nur deswegen ausreden lasse, um anschliessend meine vorgefertigten Argumente loszuwerden.
  4. Verletzlichkeit zulassen: Es bedeutet, Fehler einzugestehen und bei Unsicherheit auch mal um Hilfe zu bitten. Die Demonstration der eigenen „Imperfection“ kann dabei Wunder wirken.

Gerade Verletzlichkeit wirkt stark: Wer Schwäche zeigt, wirkt menschlich – und baut tiefere Bindungen auf.

Vertrauen aufbauen: Der Katalysator für Zusammenarbeit

Vertrauen ist der Kitt jeder Stakeholderbeziehung. Es basiert auf vier Pfeilern:

  • Erfahrung: Sie bedeutet, die aktuellen Probleme nicht zum allerersten Mal zu sehen. Demonstriert werden kann sie durch den Bericht über Beispiele, in denen ihr bereits ähnliche Probleme gelöst habt. Sie wird auch denjenigen zugeschrieben, die Formulierungen oder Terminologien aus dem Jargon des Gegenübers nutzen und damit zeigen, dass sie sich auch in der Welt des Gegenübers zurechtfinden.
  • Selbstbewusstsein: Wer nicht klar macht, dass er/sie von seinen eigenen Vorschlägen überzeugt ist, dem/der wird man schwerlich glauben. Selbtbewusstsein lässt sich gut demonstrieren, in dem über Probleme und Risiken gesprochen wird und Pläne erörtert werden, wie mit diesen Risiken umzugehen ist. Das Totschweigen von Risiken hat genau den gegenteiligen Effekt.
  • Ownership: Ownership bedeutet, ganzheitliche Verantwortung zu übernehmen und im Zweifel proaktiv zu agieren. Gerade in Krisensituationen lässt sich diese Fähigkeit hervorragend nutzen.
  • Zuverlässigkeit: Der erste Schritt dafür ist, die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen richtig einzuschätzen und nicht zu viel zu versprechen. Haltet Zusagen ein, managed die Erwartungen Eurer Stakeholder gewissenhaft und plant Puffer ein. Handelt im Zweifelsfall nach der Maxime „Rather underpronise and overdeliver!“

Merke: Vertrauen entsteht nicht durch Worte, sondern durch konsistentes Verhalten über Zeit.

In diesem Sinne wünsche ich Euch, dass Ihr die richtigen Stakeholder korrekt charakterisiert, mit den richtigen Mitteln anpackt und zu Helfern und Unterstützern macht. Das ist anstrengend und arbeitsintensiv, da individuell auf jede/n eingegangen werden muß.

Eines aber steht felsenfest – ES LOHNT SICH!

Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte, dem seien nochmal meine beiden Hauptquellen
ans Herz gelegt:

Happy Stakeholder Management!

Erfolgsfaktoren der digitalen Transformation – So kann’s klappen!

von Thomas Moder – Erfahrungen aus mehreren Zeitreisen in verschiedene Industrien

Im Jahr 2014 formulierte der damalige CEO des Beleuchtungsunternehmens Zumtobel – Ulrich Schumacher – den Plan, sich „zu einer Art Google der Beleuchtungsindustrie“ zu entwickeln. Dabei hatte er möglicherweise 2 Dinge im Kopf:

  • den Wunsch, der unangefochtene Marktführer in der Beleuchtungsindustrie zu werden – so wie Google im Bereich der Websuche – im nachhinein vielleicht etwas zu ambitioniert
  • die Idee,  den Kundennutzen durch den Einsatz von Software Lösungen, die ein immer wichtigerer Teil im Unternehmensportfolio werden sollten, zu steigern und sich somit „fit für die Zukunft zu machen“.

Zur damaligen Zeit hatte ich gerade als Segment-Manager bei der Tridonic GmbH – einem Tochterunternehmen der Zumtobel Gruppe – angefangen und war verantwortlich für ein großes Portfolio von Produkten zur Beleuchtungssteuerung. Der Vergleich mit Google in diesem Zusammenhang fühlte sich für mich an, als würde sich das Unternehmen selbst überheben, da es sich in der Vergangenheit in erster Linie durch seine hochwertige Beleuchtungshardware hervorgetan hatte. Außerdem hatte ich bereits während meiner vorherigen beruflichen Stationen bei Harman Automotive (jetzt Teil von Samsung) und bei Nokia mehrmals durchlebt, wie wahnsinnig schwer es traditionell hardwarezentrischen Unternehmen fällt, Softwarelösungen zu erdenken, zu entwickeln, zu vermarkten und zu verkaufen.

Wie digitale Technologien Unternehmen verändern

Warum Hardware Unternehmen in digitale Produkte investieren müssen.

In der Tat befinden sich viele Hardware-Unternehmen (vom Glühbirnen-Hersteller über Anbieter von Kaffeemaschinen bis hin zu Spritzguss Maschinen) – egal ob B2C oder B2B – in einem Übergang zu Unternehmen, die Lösungen anderer Art anbieten. Die „neuen“ Produkte entfalten ihren Kundennutzen mehr und mehr durch die Software oder digitale Dienste, die zusammen mit ihnen – oder ergänzend – geliefert wird.

Die Gründe für das wachsende digitale Angebot sind sowohl technischer als auch wirtschaftlicher Natur.

  1. Leistungsstarke und standardisierte Hardware-Architekturen (Intel, ARM) einschließlich professioneller Software-Entwicklungskits sind zu niedrigen Preisen für fast jede Anwendung verfügbar geworden. Gleichzeitig sind Softwareentwicklungsingenieure und Unternehmen, die sich mit diesen Plattformen auskennen, ausreichend vorhanden.
  2. Diese neuen Hardware-Architekturen verfügen über integrierte Connectivity (WLAN, BT/ZigBee/THREAD, 4G/5G, …), die völlig neue Möglichkeiten eröffnen, um zusätzlichen Kundennutzen zu realisieren (von der Fernüberwachung von Beleuchtungsanlagen bis hin zur Bestellung von Lebensmitteln über den angeschlossenen Kühlschrank).
  3. Die eingeführte Connectivity wird noch wertvoller, da die Funktionalität und die Daten solcher Lösungen durch die Allgegenwart mobiler Geräte, die wir alle fast 24 Stunden am Tag bei uns tragen, zugänglich sind. Der heutige mobile Lebensstil treibt die Unternehmen zu mehr softwarezentrierten Produkten.
  4. Die Architekturen der neuen Produkte eröffnet den Unternehmen viele zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten – ja sogar komplett neue Geschäftsmodelle eröffnet. Vernetzte Produkte in Verbindung mit einem Cloud-basierten Dienst können nicht nur zusätzliches Geschäft schaffen, sondern sind auch ein hervorragendes Mittel für Unternehmen, ihre Kunden zu binden.

Herausforderungen der Digitalisierung – Warum Unternehmen scheitern

Gängige Muster – über Branchen hinweg

Im Laufe meiner Produktmanagement-Karriere habe ich den digitalen Wandel im Bereich der Unterhaltungselektronik (Nokia), im Automobilbereich (Harman Automotive, Nuance und Continental) und im Bereich Beleuchtung/Gebäudeautomation (Zumtobel) miterlebt. Im Laufe der Jahre habe ich gesehen, wie Unternehmen mit diesem Übergang zu kämpfen haben. Mir sind typische Muster aufgefallen, warum dies der Fall ist und wo Unternehmen (nicht nur das Produktmanagement) besser werden können. Zu den wichtigsten gehören die folgenden.

Verwendung missverständlicher Sprache

Ich habe viele CEOs Aussagen machen hören wie „Wir müssen jetzt ein Software-Unternehmen werden!“ Ich denke, dass eine solche Aussage für ein Unternehmen sehr irreführend oder sogar falsch sein kann – vielleicht fällt Euch im weiteren auf, dass ich diese Terminologie in diesem Blog nicht verwende, sondern dass ich über den Übergang zur Bereitstellung von Kundennutzen durch Software spreche. Ein gutes Beispiel, wo die Dinge schief liefen, war, als Nokia seine Geschäftseinheit „Services“ neben der Geschäftseinheit „Devices“ einführte und – da „Services“ eine so hoch strategische Sache waren – die Geschäftseinheit „Services“ die Geschäftseinheit „Devices“ aufforderte, keine neuen Geräte auf den Markt zu bringen, es sei denn, ein neuer Service wäre fertig entwickelt und könnte zusammen mit dem Gerät auf den Markt gebracht werden. Dies führte zu einer Situation im Unternehmen, in der der „Schwanz praktisch mit dem Hund wedelte“ und gefährdete folglich Nokias „Brot und Butter“ Geschäft. Apple hat das viel besser verstanden und durch eine Entkopplung von Hardware und Software ein perfektes Risikomanagement betrieben, indem eine neue iOS-Version nicht strikt an die Einführung eines neuen iPhones gebunden ist (in der Praxis hat Apple den Launch neuer iphone Modelle mit neuen iOS Versionen aber stets hinbekommen)

Formulierung überzogener Ambitionen für den digitalen Wandel

Der Übergang zu einem Unternehmen, das seinen Kunden vor allem durch Software einen Mehrwert bietet, ist keine leichte Aufgabe. Er vollzieht sich nicht über Nacht. Es ist ein Weg, der sich auf alle Bereiche des Unternehmens auswirkt, einschließlich, aber nicht beschränkt auf Produktmanagement, Technik, Finanzen, Qualität, Lieferkette und Vertrieb. Die meisten Unternehmen, die ich in einer solchen Übergangsphase beobachtet habe, waren übermäßig ehrgeizig in Bezug auf das, was sie in einem Zeitraum von 2-3 Jahren erreichen konnten. Ich halte es für vernünftig, davon auszugehen, dass innerhalb eines Zeitraums von 5 Jahren etwas erreicht werden kann, 2 Jahre sind definitiv zu kurz.

Software & Datenanalyse werden nicht als Kernkompetenzen verstanden

Wenn Unternehmen sich auf digitale Dienste und Software zubewegen, tun sie das häufig, ohne die Softwareentwicklung und Datenanalyse als Kernkompetenzen zu betrachten (obwohl beide Begriffe immer wieder auf den „Strategiefolien“ auftaucht). Als Produktmanager habe ich mich stattdessen in Situationen wiedergefunden, in denen die F&E-Organisation die SW-Entwicklung an viele – nicht assoziierte – kleine Unternehmen ausgelagert hat, die eher nach der Verfügbarkeit von Ressourcen und dem Preis ausgewählt wurden als nach einer strategischen Überlegung, wie die von externen Unternehmen geschaffenen Software Artefakt (eigentlich ein Flickenteppich) richtig verwaltet und später möglicherweise wieder eingelagert werden könnte. Die frühzeitige Einsetzung von System-/Softwarearchitekten und Datenanalytikern als Eigentümer eines solchen Software-Assets und Datenbasen ist von größter Bedeutung, um den Übergang erfolgreich zu meistern. Die Installation eines technischen Produktmanagers als Product Owner der Softwareplattform wird sich sehr auszahlen. Wir konnten den Erfolg beispielsweise bei Zumtobel deutlich sehen.

Fehler beim Betrachten der „Wirtschaftlichkeit“ von Software – Wie woll sich Digitalisierung „rechnen“?

Wenn es um den Business Case für Produkte geht, die dem Kunden vor allem durch Software & Daten einen Mehrwert bieten, passen die bestehenden „xls-Sheets“, die typischerweise Parameter wie Bruttomarge, Deckungsbeitrag oder Kapitalwert auf der Basis von Produktkosten und Produktpreis berechnen, nicht mehr. Diese Tabellen sind in der Regel im „Besitz“ der Finanzabteilungen des Unternehmens und versuchen sicherzustellen, dass Produkte einen Gewinn erzielen, die neben den Produktkosten auch die Gemeinkosten finanzieren kann und zusätzlich Mittel abwirft, um neue Produktideen anschieben zu können. Da nun zusätzliche Investitionen in die Softwareentwicklung getätigt werden mussten, führten die Finanzzahlen nicht selten zu einer Ablehnung einer Idee und der Vizepräsident der Finanzabteilung rief im Produktmanagement an, um das „Problem zu beheben“.

Es kommt erschwerend hinzu, dass sich gute Software ständig weiterentwickelt und dem Kunden kontinuierlich weiteren Nutzen liefern soll, was im Umkehrschluss bedeutet, dass eine Softwareentwicklung „nie“ abgeschlossen ist.

Die in Hardware Unternehmen übliche Frage „Wieviel Stück verkaufe ich mehr mit einem neuen Feature?“ führt hier nicht zum Ziel, denn es ist eine Betrachtungsweise zu etablieren die eher fragt „Welche Auswirkungen hat es auf mein Geschäft, wenn ich NICHT weiter in die Weiterentwicklung eines Produktes investiere?“. Alter Muster funktionieren nicht mehr und gerade das Produktmanagement läuft oft gegen Wände, da die alten Zöpfe nicht abgeschnitten werden – oder zumindest neu geflochten werden.

Buzzword Bingo statt Kundenorientiertheit

Produktmanager/-innen wissen, wie äußerst wichtig es ist, Trends auszukundschaften und den Markt zu beobachten, um „IoT“, „Cloud Computing“, „Datenschutz“ und „Industrie 4.0“ zu verfolgen und sich mit ihnen vertraut zu machen, aber noch wichtiger ist es, aus diesen Trends relevante und konkrete Anwendungsfälle abzuleiten, die unserem spezifischen Kunden einen spezifischen Mehrwert bieten und für die höchstwahrscheinlich nur ein kleiner Bruchteil aller Technologien benötigt wird, die durch die oben genannten Buzzwords grob beschrieben werden.

Dieses Wissen haben Unternehmen anfangs nicht und es ergeben sich daraus zwangsweise falsche Einschätzungen zur Komplexität eines neuen Entwicklungsvorhabens mit dem Ergebnis, dass sich bald Ernüchterung allenthalben einstellt.

Die Notwendigkeit einer ganzheitliche Veränderung im Unternehmen wird unterschätzt

Kein Zweifel – die Umstellung von Hardware auf Software und digitale Dienste ist schwierig. Die Unternehmen verfügen zwar über äußerst fähige und kluge Mitarbeiter, aber kann ein Unternehmen, das im Hardware-Geschäft hervorragende Leistungen erbracht hat, organisch (d. h. mit denselben Mitarbeitern) zu einem Team heranwachsen, das den Übergang erfolgreich bewältigt?

Meine Meinung ist ein klares „NEIN“ – es bedarf mehr als nur der Ausbildung oder Qualifizierung von Mitarbeitern für die neuen Herausforderungen. Es wird notwendig sein, „frisches Blut“ mit Software-Kompetenz in das Team zu bringen. Die Umstellung muss zwar alle Bereiche/Abteilungen betreffen, aber einige Bereiche brauchen dieses frische Blut dringender als andere. Die ersten sind typischerweise F&E und Produktmanagement, aber bald werden auch Supply Chain, Finanzen und Qualität folgen, wiederum gefolgt von Vertrieb, Recht und Beschaffung.

Es gibt keinen heiligen Gral dafür, ob ein solcher Kompetenzzuwachs durch die Einstellung der besten Talente von Unternehmen, die bereits im SW-Bereich tätig sind, oder durch eine Übernahme erreicht werden kann. Beide Optionen sollten in Betracht gezogen und bewertet werden – die endgültige Entscheidung wird sehr spezifisch für jedes einzelne Unternehmen sein.

Was können das Produktmanagement Team tun ?

Realistische Ambitionen setzen

Produktmanagement-Teams sind hier in der Schlüsselposition, um die Erwartungen zu steuern. Business Cases mit moderaten Software-Investitionen und großen Umsätzen nach 2 Jahren sollten mit Vorsicht genossen werden und eher die Ausnahme als die Regel sein. Bei Zumtobel mussten wir lernen, dass eine drahtlose und IP-basierte Lichtsteuerung, die mit der Cloud verbunden ist (nichts davon hatten wir vorher gemacht), uns weit mehr Schweiß und Tränen gekostet hat als ursprünglich geplant.

Das „Not Invented Here Syndrom“ ist in einer Transformation wie dieser kein guter Ratgeber. Produktmanagement Teams mit ihrer ganzheitlichen Sichtweise sind hier aufgefordert, den Finger in die Wunde zu legen und zu sensibilisieren, inwiefern im Unternehmen die benötigten Kompetenzen vorhanden sind, um mit digitalen Produkten erfolgreich sein zu können.

In fast allen Fällen bietet sich die Nutzung bereits vorhandenen Wissens und bereits vorhandener Technologie und der Aufbau eines entsprechenden Partnernetzwerks an. Das bedeutet mitnichten, digitale Kompetenzen langfristig outzusourcen, sondern die Zeit zu nutzen, in welcher das Unternehmen noch nicht über entsprechende Kompetenzen verfügt.

Allgemeinplätze vermeiden – Konkrete Ziele Schritt für Schritt formulieren und anpeilen

Wenn Führungskräfte sagen: „Wir müssen jetzt ein Softwareunternehmen werden!“ gehen sie oft davon aus, dass sich der Umsatz des Unternehmens von Hardware auf Software verlagern sollte. Diese Auffassung ist riskant und sollte niemals implizit angenommen werden, wenn der Kundenwert durch Software geliefert wird. Noch vor einigen Jahren habe ich im persönlichen Gespräch mit Top Managern der Automobilindustrie gehört, dass man „im Jahr 2030 ein Drittel des Umsatzes mit digitalen Diensten“ machen wolle. Die heutige Situation zeigt, dass diese Einaschätzung nicht falscher hätte sein können.

Stattdessen kommt dem Produktmanagement eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum geht, individuell zu bewerten, ob die Kundenerwartungen, der Wettbewerb und die Technologie für die Bereitstellung von digitalen Lösungen eine solche Verlagerung der Einnahmen zulassen. Selbst wenn man zu dem Schluss gekommen ist, dass dies der richtige Weg ist, muss gemäß den Anmerkungen zur Ambition weiter oben ein realistischer Zeitrahmen für eine solche Verlagerung zwischen den Beteiligten gefunden werden.

Ich möchte Produktmanagement Teams hier ermutigen, eher konservativ zu sein und sich für konservative Ziele einzusetzen. Der Nutzen, der sich aus der Erreichung dieser Ziele ergibt, ist viel größer als das Risiko, sie zu verfehlen, was häufig zu Änderungen seitens der Geschäftsleitung führt, die wiederum „bewegliche Ziele“ und Unsicherheit in der Strategie zur Folge haben. Die Produktmanager sollten nicht zögern, immer wieder zu erklären, welchen Ansatz das Unternehmen bei der Bereitstellung von Software verfolgt. Dies hat auch nichts damit zu tun, hier der „Bremser“ zu sein oder „unkoooperativ“ zu erscheinen sondern verhindert frühzeitige Enttäuschung, Desillusion und das sofortige Hinterfragen der richtigen Strategie.

Digitales Business ganzheitlich betrachten – Software als Kernkompetenz begreifen

Es geht um viel mehr, als nur Software statt Hardware zu verkaufen. Die gesamte Organisation muß sich der Herausforderung stellen, dass sich Geschäftsmodelle ändern – Punkt! Ohne Ausnahme. Es betrifft jede Abteilung. Der Wandel ist definitiv nicht einfach – das Produktmanagement Team ist aber in einer zentralen Position, um den Wandel zu gestalten. Als Schnittstellenfunktion haben wir Verbindungen zu allen Abteilungen und kennen deren Abhängigkeiten. Diese Position gilt es im Sinne des Unternehmens zu nutzen und beispielsweise eine funktionsübergreifende Arbeitsgruppe einberufen, die gemeinsam Fragen beantwortet wie

  • Wie amortisieren wir einen SW-Entwicklungsaufwand über mehrere Produkte hinweg?
  • Soll die Basis-SW-Entwicklung über alle Produkte/Lösungen des Unternehmens abgeschrieben werden und Teil der Gemeinkosten werden?
  • Wie sollen wir den Aufwand für mehrere Software-Releases auf der gleichen Hardware-Plattform behandeln? Finanzcontroller fragen häufig (siehe oben): „Wie viele Geräte würden wir mehr verkaufen, wenn wir diese neue Softwareversion entwickeln würden?“ In einer Welt, in der der Wert von Lösungen mehr und mehr durch Software geliefert wird, sollte die Antwort des Produktmanagements eher lauten: „Wenn wir die Software nicht aktualisieren, werden wir bald keines unserer Produkte mehr verkaufen, da die Konkurrenz einen höheren Kundennutzen bietet“.
  • Wie wollen wir Software bepreisen ?

An dieser Arbeitsgruppe sollten neben dem Produktmanagement zumindest der Leiter der Finanzabteilung, der Leiter der F&E-Abteilung, der Leiter der Abteilung für Personalentwicklung und der Leiter der Verkaufsabteilung teilnehmen.

Übersetzung der Strategie in den konkreten Kontext des Unternehmens

Transformationsstrategien sind oft auf sehr hohem Level formuliert und werden als „wachsweich“ empfunden. Alle Abteilungen fragen sich zurecht „was es denn nun für sie bedeutet“. Im Zentrum der Erwägungen sollte dabei stehen, wie eine digitale Strategie unseren Kunden nutzt, denn am Ende wird sie sich nur auszahlen, wenn wir Mehrwert für unseren Kunden schaffen, für den er zu zahlen bereit ist. Produktmanagement Teams sind hier aufgefordert, den Mehrwert zu beschreiben und in der ganzen Organisation immer wieder zu erklären. Gleichzeitig sollte klargemacht werden, dass ein solcher  Mehrwert über alle Abteilungen des Unternehmens erarbeitet werden kann. Er ist keine Sache der Entwicklungsabteilung, die nun statt Hardware eben Software entwickelt. Er betrifft Entwicklung, Produktmanagement, Verkauf, Betrieb, Einkauf und Controlling. Niemand hat Grund, sich zurückzulehnen.

Produktmanagement Teams müssen durch ihre Nähe zu Markt und Kunde helfen, die Brücke zu bauen zwischen digitalen Strategien und nutzenstiftenden sowie umsetzbaren Kundenanforderungen und Anwenderszenarien – „Was hat unser Kunde denn davon?“ Eine Digitalstrategie ist kein Selbstzweck und keine Modeerscheinung. Als Produktmanagement Team sind wir aufgefordert, auch Änderungen in anderen Abteilungen anzustoßen, wenn dadurch Kundennutzen entsteht. Das wird anderen Abteilungen helfen, die Strategie umzusetzen – beispielsweise indem im Vertrieb Anwendungsexperten für die neuen Lösungen etabliert werden.

Es bedeutet aber auch, Zusammenhänge im Unternehmen immer wieder zu erklären und beispielsweise auch unsere Anstrengungen für die Schulung unserer Vertriebskollegen zu intensivieren. Ob man es nun glauben will oder nicht – für jemanden, der 30 Jahre lang Hardware Produkte vertrieben hat, ist die Promotion und die Erklärung eines digitales Services eine riesige Veränderung.

Neu-Organisation fordern – aber nicht „überfordern“

Der Bedarf an „frischem Blut“ ist natürlich auch im Produktmanagement vorhanden. Ich bin überzeugt, dass ein Gruppe von Hardware-Produktmanagern eine Umstellung auf Software besser bewältigen kann, wenn Expertise von außen mit dazu geholt wird über eine(n) neue(n) Kollegen/in, der/die bereits Erfahrungen mit digitalen Lösungen mitbringt.

Aber es müssen nicht nur neue Kompetenzen in  Teams eingebracht werden – das neue Team muss auch in eine geeignete Organisation eingebettet werden. Eine solche Organisation – auch wenn es sich anfangs schmerzhaft anfühlen mag – muss darauf achten, dass das „SW-Team“ die nötige Freiheit bekommt, um zu agieren und nicht völlig in die Prozesse eines Hardware-Unternehmens eingesperrt wird. Das Gegenteil sollte angestrebt werden: Das funktionsübergreifende „SW-Team“, welche das Softwareangebot des Unternehmens vorantreibt, muss ausdrücklich dazu ermutigt werden, die zukünftigen Prozesse des Unternehmens mit zu entwerfen.

Gleichzeitig bin ich kein Freund einer vollständigen Trennung von Hardware- und Softwaregruppen, da dies die Abstimmung auf der Arbeitsebene erschwert und zu einer „Software gegen Hardware“-Kultur führen kann. Wie eine solche Zusammenarbeit auf Arbeitsebene aussehen kann, hat unser Kollege Ulf Greiner in unserem Webinar „Brücke zwischen den Welten – Verbindung digitaler und physischer Produktstrategien“ beschrieben, welches auch auf unserer Website verfügbar ist.

Sehr wichtig ist mir dabei zu betonen, dass Organisationen mit Bedacht angepasst werden müssen. Jede Änderung birgt Komplexität und Probleme. Zu viele gleichzeitige Änderungen können Organisationen „überfordern“. Das Motto „Wir machen jetzt alles anders“ hat noch sehr selten funktioniert.

 

Die Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Karriere gemacht habe, stimmen recht gut mit dem überein, was die Boston Consulting Group bereits 2008 in einem virtuellen Interview mit 3 CEOs zum unserem Thema  veröffentlicht hat. Für mich ist es ein „Deja-vu“ dessen, was ich im Laufe der Jahre erlebt habe, und ich empfehle allen, diese Lektüre zu genießen.

Natürlich haben nicht nur die virtuellen Unternehmen von BCG den Übergang erfolgreich gemeistert, denn es gibt tonnenweise Beispiele für Marktteilnehmer, die den Übergang gut gemeistert haben, darunter Cisco, IBM, Apple, Harman, Automobilhersteller wie BMW oder Mercedes-Benz, „klassische“ Kopiergerätehersteller wie Kyocera oder Minolta.

Es gibt also guten Grund für die traditionellen Hardware-Akteure zuversichtlich zu sein, dass sie diesen Beispielen folgen können, auch wenn es vielleicht länger dauert als ursprünglich erwartet. Und wer ganz genau hinsieht, der bemerkt sogar, dass viele grosse Software Unternehmen begonnen haben, in Hardwareprodukte zu investieren … Google’s Pixel Familie, Meta’s Quest oder aber Microsoft’s Surface Produkte sind gute Beispiele dafür.

April 25, 2024

Warum Kommunikation im Produktmanagement entscheidend ist

von Thomas Moder – 30 Jahre Produktmanagement und kein bisschen müde …

Kommunikationsfähigkeiten werden zurecht als Schlüsselkompetenz für alle Teilnehmer im modernen Wirtschaftsleben eingestuft. Das Bundesinstitut für Berufsbildung beginnt seinen Abschlussbericht zum Thema Sprachlich kommunikative Anforderungen in der beruflichen Ausbildung“ aus dem Jahr 2017 mit den Worten „Sprachlich-kommunikative Kompetenzen werden als elementar für den Erwerb beruflicher Handlungskompetenz im Betrieb … für die Ausübung beruflicher Tätigkeiten angesehen. Sprachlich-kommunikative Kompetenzen gelten als Schlüsselkompetenzen.“

Wir dürfen mit Sicherheit auch davon ausgehen, dass die Wichtigkeit erfolgreicher Kommunikation mit der Zunahme der zur Verfügung stehenden Kommunikationskanäle (Mail, Chat, Soziale Medien, Blog, Streaming, Teams, Kollaborations-Tools, …) in den letzten Jahren zugenommen hat und weiter zunehmen wird.

Für Produktmanager, Produktmarketingmanager oder Product Owner nimmt sie – im Vergleich zu anderen Rollen im Berufsleben – nochmals eine zentralere Rolle ein, wie die Ergebnisse aus der ProduktManageMentor Marktstudie im Jahr 2023 eindrucksvoll belegen. Dies liegt zum einen sicher an unserer zentralen Rolle in Produktteams mit einer Vielzahl von Schnittstellen, aber auch an der schieren Menge an Informationen, die wir empfangen, verarbeiten und mit anderen teilen. Die relevanten Informationen auszufiltern, aufzubereiten und damit andere zu überzeugen, um unsere Ziele als Produktmanager zu erreichen, kann – bei allem fachlichen Knowhow – nicht hoch genug eingeschätzt werden. Was also können wir tun, um in unserer Kommunikation erfolgreich zu sein?

Grundlagen jeder erfolgreichen Kommunikation

Der wissenschaftliche Diskurs rund um das Thema Kommunikation hat in den letzten 100 Jahren zu einer Reihe von sogenannten Kommunikationsmodellen geführt, von denen ich 2 kurz skizzieren möchte. Das bekannteste Modell stammt aus dem 40er Jahren und stammt von Claude E. Shannon und Warren Weaver. Grundsätzlich erfordert jede Kommunikation 2 Teilnehmer, einen Sender und einen Empfänger, einen Sprecher und Hörer, einen Autor und einen Leser oder aber einen Filmer und einen Zuschauer.

Abwechselnd nehmen wir einmal die Rolle des Senders und einmal des Empfängers ein und wechseln in einer Konversation auch schnell und oft diese Rollen. Dabei steht uns eine Vielzahl an Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung – verbale (Sprache) und nonverbale (Gestik, Mimik, Bilder) Möglichkeiten, die eingesetzt werden können als Teil einer Unterhaltung in einem Raum mit gleichzeitig anwesenden Personen – oder aber Botschaften, die wir über digitale Kanäle (Mail, Chat, Video-Calls, …) verbreiten und deren Anteil stark zugenommen hat und vermutlich weiter zunehmen wird.

Interessant für uns ist aber auch das Sigmund Freud (1856 – 1939) zugeschriebene, sogenannte „Eisbergmodell“ – wobei Freud den Begriff „Eisberg“ selbst nie verwendet hat. Entscheidend hier ist die Unterscheidung zwischen der sogenannten „Sachebene“ (Worte & Fakten, aber auch Körpersprache) und der „Beziehungsebene“ (Gefühle, Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse) und die Erkenntnis, dass 80% der Kommunikation über die Beziehungsebene läuft.

Wow! Sollen wir also die 20% Sachebene schnell vergessen und nur noch die Beziehungsebene nutzen? Wohl kaum – denn wer keine Zahlen, Daten und Fakten im Gepäck hat, der wird auch auf der reinen Beziehungsebene nichts erreichen können. Trotzdem gibt uns dieses Modell schon mal einen guten Hinweis, dass es oftmals eben „nicht nur um die Sache“ geht.

Wer sich noch mehr über die verschiedenen Kommunikationsmodelle, die im Laufe der Jahre entwickelt worden sind, informieren möchte, dem sei hier der folgende Link ans Herz gelegt: Kommunikationsmodelle: 7 wichtige Modelle im Überblick.

 

Kommunikationsmodell nach Shannon und Weaver

Eisbergmodell nach Sigmund Freud

Vollkommen unabhängig von der Art des Kommunikationsmediums lässt sich jedoch eine Sammlung von Methoden – oder Best Practices – ausmachen, die wir anwenden können, um „erfolgreich“ zu kommunizieren – „erfolgreich“ insofern, als dass wir der Erreichung unserer Ziele näherkommen.

Als Produktmanager, Produktmarketingmanager oder Product Owner haben wir natürlich sehr spezifische Gelegenheiten, unser Kommunikationstalent zu beweisen, sei es bei der Zusammenstellung und Vorstellung eines Business Cases, der Diskussion von Anforderungen oder aber der Formulierung unseres Kundenversprechens bei der Produkteinführung.

Alle diese Aufgaben haben ihre spezifischen Besonderheiten, Chancen und Fallstricke, auf die wir aber – aus Zeitgründen 😉 (wir alle sind vielbeschäftigte Produktmanager) nicht eingehen werden. Vielmehr wollen wir hier das Augenmerk auf allgemein gültige und anwendbare Methoden legen.

Kenne Dein Gegenüber und kenne Dein Ziel

Bei allen Dingen, die uns helfen können, wirksam zu kommunizieren, gibt es 2 Dinge, die über allen anderen stehen sollten und die bereits erledigt sein müssen, bevor der erste Satz getippt, das erste Wort gesprochen oder der Button des Teams oder Zoom Meetings geklickt wird!

Als Produktmanager wollen wir Ziele erreichen! Im Rahmen unserer Kommunikation verfolgen wir einen Zweck. Damit wir überhaupt erfolgreich sein können, sind 2 Voraussetzungen zu schaffen.

  1. Kenne Dein(e) Gegenüber – im „Business Jargon“ auch „Stakeholder Management“
  2. Kenne das Ziel Deiner Kommunikationsbemühung und formuliere es „explizit!

In beiden Punkten gilt „je genauer, umso besser“! Was kann das aber im Detail bedeuten und warum ist es so entscheidend?

Kenne Dein Gegenüber

Alles, was später gesagt, geschrieben oder gehört wird, muss den Gesprächspartner berücksichtigen – wer sind die Personen, welche Verantwortung tragen sie, welche Entscheidungen treffen sie, wie ticken sie, was ist Ihnen wichtig, aber auch, was ist Ihnen weniger wichtig. Zur Einordnung unsere Gegenüber können Tools wie das „Stakeholder Mapping“ oder eine Einschätzung des Arbeitsstils nach der Kategorisierung nach „Bolton & Bolton weiterhelfen. Wir werden nur erfolgreich sein, wenn wir verstehen, wen wir „vor uns“ haben und wie wir ihn anpacken müssen. Ein CEO wird uns in der Regel selten länger als 3 Folien zuhören, ohne uns zu unterbrechen und Fragen aufzuwerfen.

Kenne Dein Ziel

Wer war nicht oft genug schon in den Meetings, in denen man sich am Ende gefragt hat, was der Einladende eigentlich erreichen wollte. Wer hat sie nicht auch schon „en masse“ bekommen – Mails, an deren Ende man weniger schlau ist als vor dem Lesen. Uns muss klar sein, was wir erreichen wollen, und das sollten wir unserem Gegenüber auch explizit mitteilen.

Beispiele:

  • als konkrete Formulierung im Betreff einer Email („Strategietag am 31.12.2023: Brauche von Dir die Freigabe für die Kostenübernahme des Silvestermenüs bis zum 01.05.“)
  • als einleitenden Satz einer Präsentation („Ich möchte Ihnen heute einen Überblick geben über unsere Produkte im Bereich X und gerne Ihr Feedback aufnehmen, um es in unserer Roadmap zu berücksichtigen …“).

Es macht einen Unterschied, ob ich jemandem einen Überblick verschaffen möchte mit dem Ziel, sein Interesse zu wecken oder aber ob ich jemanden zum kurzfristigen Kauf eines Produktes bewegen möchte.

Die Maxime „Kenne Dein Ziel“ gilt aber ebenso für die Rolle  des Empfängers, Zuhörers oder Lesers – schließlich möchte ich nicht unnötig Zeit vergeuden und mir Dinge anhören oder durchlesen, die für mich aktuell keine Wichtigkeit haben. Es ist also auch hier vollständig legitim, sein Ziel explizit zu formulieren und beispielsweise zu sagen “Ich habe vergangene Woche das Produkt des Wettbewerbs gesehen mit Funktion X und würde gerne verstehen, ob Ihre Lösung etwas ähnliches anbietet und zu welchem Preis wir so etwas bei Ihnen kaufen könnten …“- Indem Ihr Euer Ziel explizit formuliert, schafft ihr Klarheit, demonstriert, dass ihr einen Plan habt und tretet souverän auf.

Klarheit gewinnt

Wart ihr auch schon mal Zuhörer eine Präsentation, in der ihr nichts, aber auch gar nichts verstanden habt? Dann teilt ihr das Leid vieler Kollegen, die ihre Zeit wertvoller hätten einsetzen können. Wenn ich Informationen – meist als Powerpoint-Folien – von meinen Kollegen aus der Software- und Hardwareentwicklung bekomme, dann denke ich mir oft „wenn ich die einem Kunden so zeige, dann habe ich ihn bereits auf Folie 3 verloren …“

Das Beispiel zeigt eine Tatsache, die wir so oft unterschätzen: unser Gegenüber hat oft viel weniger Wissen, als wir denken und voraussetzen. Als Profi sollten wir uns vergegenwärtigen, von welchem Wissen wir ausgehen können und unsere Kommunikation (egal ob Mail oder Powerpoint) danach ausrichten.

Eine der Königsdisziplinen guter Produktmanager ist in meinen Augen „Komplizierte Sachverhalte einfach erklären“. Euer Gegenüber verdient Klarheit. Als Zuhörer bedeutet das für Euch aber auch, dass ihr bei unklaren Dingen nachhakt, den Dingen auf den Grund geht, um so eben genau diese Klarheit zu schaffen. Oder aber als Zuhörer dem sprechenden immer wieder Feedback zu geben, dass man die Botschaften verstanden hat. Zur Klarheit tragen Zahlen, Daten und Fakten bei und im Zweifelsfall bin ich immer ein großer Fan von Beispielen, anhand dessen Sachverhalte einfach erklärt werden – viel besser als komplizierte und lange Schachtelsätze, denen niemand folgen kann.

Eskalationen gehören zum Geschäft

Um Klarheit zu schaffen, muss gegebenenfalls manchmal auch „eskaliert“ werden. Niemand eskaliert gerne und schon gar nicht ohne Grund, aber für uns als Produktmanager gehören Eskalationen zum Handwerkszeug – sie müssen einfach hin und wieder sein, um den Zielen einen Schritt näher zu kommen. Eskalationen führen zu Klarheit und hinterlassen keine dauerhaft schwelenden Baustellen.

Lernen, NEIN zu sagen

Eskalationen seitens anderer Stakeholder ergeben sich auf der anderen Seite auch oft aus einem „NEIN“ des Produktmanagers. Aber auch gut begründetes „NEIN SAGEN“ gehört zum Kommunikationsrepertoire eines guten Produktmanager und führt am Ende zum mehr Klarheit, in diesem Fall über die Dinge, die eben NICHT getan werden.

Dein Gegenüber hat Empathie verdient

Als Produktmanager sind wir täglich damit beschäftigt, viele verschiedenen Informationen und Sichtweisen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen und die richtigen Entscheidungen im Sinne des ganzen Unternehmens zu treffen. Dabei sprechen wir mit vielen verschiedenen Stakeholdern. Alle diese Stakeholder haben – und dies gilt es für uns zu respektieren – ihre spezifischen Interessen und Sichtweisen und diese sind – jeweils aus deren Perspektive – vollkommen legitim und richtig.

Um dies aber auch so sehen zu können, müssen gute Produktmanager Empathie beweisen und sich – bildlich – in die Lage des anderen versetzen, um seine Interessen als wichtig einzuordnen, als legitim zu verstehen und nicht als irrelevant abzutun. Euer Gegenüber steht im Fokus – wichtig ist, was Euer Gegenüber wissen möchte und nicht, welche tollen Details ihr selber wisst.

Für empathische Kommunikation kommt im Zweifelsfall „Zuhören vor Zuquatschen“. Nur so kann ich Dinge erfahren und lernen, die uns ansonsten verborgen bleiben, weil wir den anderen mit unserem Detailwissen oder dem letzten Rhetorikkurs beeindrucken wollen. Zur Empathie gehört damit auch die Wertschätzung der Zeit des anderen. Wir alle haben genug zu tun und erwarten auch von anderen, dass sie unsere Zeit sinnvoll nutzen.

Empathie bedeutet also am Ende, die legitime Sichtweise von vielen anderen Stakeholdern einzuholen und sie auch als valide anzuerkennen. Ein vollständiges Bild entsteht am Ende nur durch die Betrachtung aus unterschiedlichen Perspektiven.  Das befreit uns natürlich nicht von der Aufgabe, am Ende alle Sichtweisen zusammenzubringen und abzuwägen und – im Ganzen – optimale Lösungen im Sinne des Unternehmens zu finden.

Sind diese Lösungen dann aber gefunden, gilt es diese KLAR zu kommunizieren – womit wir wieder beim Punkt „Klarheit gewinnt“ sind.

Überzeugen durch Storytelling

Als Produktmanager wollen wir unsere Ziele erreichen. Dazu müssen wir andere überzeugen. Helfen können uns dabei die bereits beim Thema „Klarheit“ erwähnten Zahlen, Daten und Fakten, am besten gleich immer mit Quellenangabe. Aber auch einfache Techniken, wie das konsistente Wiederholen von Schlüsselaussagen – egal ob als Teil einer Kundenpräsentation oder auf der Website im Rahme eines Produktlaunches – geschickte gewählte Wiederholungen erfüllen den Zweck und geben Euren Argumenten Überzeugungskraft.

Am Ende wollen wir andere Stakeholder von unserem Vorhaben überzeugen. Das geht am besten, wenn wir sie von unserer Sache begeistern können. Als gute Methode für guten Zugang zu Stakeholdern hat sich dabei die „Kunst“ des sogenannten Storytellings (Buchtip „Tell Me!“ Wie Sie mit Storytelling überzeugen“) bewährt. Wer könnte uns diese Kunst besser in einem Beispiel erklären als einer der größten Geschichtenerzähler aller Zeiten  – in Steve Jobs‘ Rede an der Standford Universität in 2005 gibt er gleich 3 seiner Geschichten zum Besten.

Eine gute Story zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur Fakten aneinanderreiht, sondern diese auch in geeigneter Weise miteinander verknüpft, um so eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, der man einfacher folgen kann – in die man sich ggf. sogar selbst hineinversetzen kann.

Eine letzte Sache …

Ach ja, eine letzte Sache liegt mir noch am Herzen.

Auch wenn wir als Produktmanager viele verschiedene Sichtweisen einholen müssen, und wir – um es in der Fussballersprache zu formulieren – die legitimen Meinungen vom Torwart über die Abwehrspieler bis zum Mittelfeld und Sturm anhören sollten – unsere generelle Spielweise sollte immer offensiv ausgerichtet sein.

Beim Thema Kommunikation bedeutet das, dass wir unsere Kommunikation proaktiv gestalten sollten, statt abzuwarten. Wir sollten lieber Fakten schaffen, als dass über unseren Kopf hinweg Fakten geschaffen werden, mit denen wir dann – oft mehr schlecht als recht – leben müssen.

Fakten können wir schaffen, indem wir im Hintergrund Allianzen bilden und auch informelle Kanäle nutzen, um andere für unsere Sache zu gewinnen. Sollten wir dabei – natürlich völlig unabsichtlich oder aus reiner Unwissenheit – gegen bestehende Prozesse verstoßen haben, dann halte ich es im Sinne der Erreichung unserer Ziele mit der Maxime „Lieber danach entschuldigen als vorher ständig um Erlaubnis fragen“.

 

Infografik zum Download

Die wichtigsten Tipps und Tricks zum Thema Kommunikation haben wir Euch in einer Infografik zusammengestellt, die ihr in hoher Auflösung herunterladen und Euren Arbeitsplatz damit verschönern könnt.

Am Ende des Tages sind viele Tipps und Tricks keine Geheimnisse, sondern Dinge, die auf der Hand liegen – wir müssen Sie uns nur immer wieder – und rechtzeitig – ins Bewusstsein rufen. In diesem Sinne wünsche ich Euch erfolgreiches und wirksames Kommunizieren innerhalb und außerhalb Eures Unternehmens und auf dieser Basis begeisternde und erfolgreiche Produkte.

Thomas

November 7, 2023

Woran Produktstrategien scheitern

Von Jan Harste – langjähriger Produktmensch und Verfechter nachhaltiger Produktstrategien, die ihren Namen verdienen

„Strategie ohne Umsetzung ist ein Tagtraum – Umsetzung ohne Strategie ist ein Albtraum.“

(Frei nach japanischem Sprichwort: „理念なき行動は凶器であり、行動なき理念は無価値である“)

 

Dieser Text ist kein Plädoyer gegen Produktstrategien. Im Gegenteil: er ist die Aufforderung, Produktstrategien die Zuwendung und Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdienen und dabei typische Fallstricke zu vermeiden.

Die Aussage kommt für die meisten unserer Leser hoffentlich nicht überraschend, aber auch in Zeiten zunehmender Agilität in der Produktentwicklung lohnt es sich, erneut zu betonen: du brauchst eine Produktstrategie. Es ist kein Zeichen von gelebter Agilität, sich ohne Strategie in die Entwicklung und Vermarktung eines Produkts zu stürzen.

In diesem Blog soll es um die häufigsten Fallen gehen, in die Produktmanager*innen bei der Entwicklung einer Strategie tappen können. Zwar kann dieser Beitrag nicht dafür sorgen, dass auf magische Weise in kurzer Zeit die perfekte Produktstrategie entwickelt wird, aber er kann viel Zeit und Mühen sparen, wenn man sich bewusst wird, welche klassischen Fehler zu vermeiden sind.

Produktstrategie: Mythen und Irrglauben

Um gleich zu Beginn mal mit ein paar Mythen zum Thema auszuräumen:

  • Strategieentwicklung ist keine hohe Kunst, die auf Spezialwissen basiert, das man sich nur durch den Besuch von teuren Privatunis oder Business Schools aneignen kann. Jeder Mensch kann eine gute Produktstrategie schreiben. Es erfordert die Bereitschaft sich vorher mit Kunden, Markt, Wettbewerb und Technologien auseinanderzusetzen, zu lernen, zu reflektieren und – vor allem – den eigenen Schreibtisch zu verlassen. Das NIHITO-Prinzip: „Nothing interesting ever happens in the office“. Man könnte auch sagen “Gute Strategien entstehen nicht im stillen Kämmerlein“. Kontinuierliche Product Discovery ist hier ein wichtiger Baustein.
  • Produktstrategie entsteht nicht einfach durch das Ausfüllen eines Templates. Sie ist das Destillat aus vielen Kundengesprächen und dem Verstehen ihrer Bedürfnisse, aus erweiterter Markt- und Wettbewerbsanalyse und dem Verstehen der eigenen Stärken und Schwächen. Vorlagen können einem helfen, die Strategie auf die richtigen Inhalte herunterzubrechen (Ziele, Zielgruppen, Erfolgsfaktoren, Maßnahmen und einiges mehr), aber sie führen nicht automatisch zur „richtigen“ Strategie.
  • Die erfolgreichsten Techprodukte waren nicht einfach „das richtige Produkt zum richtigen Zeitpunkt“. Auch wenn man wenig davon hört: die erfolgreichsten Techprodukte basieren auf klaren Produktstrategien, die wiederum auf einer nahezu stoischen Kundenzentrierung fußen. (Manche Unternehmen verschweigen das allerdings gerne, weil sie dadurch besonders hellsichtig und genial erscheinen.)

Was ist eigentlich eine Produktstrategie?

Was ist dieses manchmal wenig greifbare Konzept „Produktstrategie“ eigentlich (außer ein Wort von dem man in Gesprächen mit Geschäftsleitung und Beratern in Anzügen ständig hört)?

Kurzgesagt ist es ein langfristig angelegter Aktionsplan zur Erreichung definierter Produktziele. Und weil der Zeithorizont langfristiger ist, hat die Produktstrategie eine etwas höhere Flughöhe und lässt Raum für taktische Anpassungen.

Eigentlich ziemlich offensichtlich, dass man eine Produktstrategie haben sollte, oder?

Nichtsdestotrotz überrascht es, wie viele Unternehmen sich nicht die Zeit nehmen eine klare Produktstrategie zu formulieren, vor allem in Software-Unternehmen (man kann schließlich vieles auch wieder anpassen, wenn es neue Ziele und Anforderungen gibt. Oh, hallo technische Schuld!)

Dafür gibt es einige Gründe, und die meisten haben damit zu tun, dass dort wo Menschen handeln auch Denkfehler und Fehlschlüsse passieren. So sehr wir uns auch einreden immer objektiv „nach gesundem Menschenverstand“ zu handeln, die eigene Perspektive ist ein Produkt unserer (limitierten) Erfahrungen und damit sehr subjektiv.

Die Folgen fehlender Produktstrategien

Wozu das Fehlen von Produktstrategien führen kann? Ein paar Szenarien:

  • Der Geschäftsführer hat das Unternehmen weit gebracht und ist dementsprechend weiterhin sehr bestimmend. Ihr Wort zählt und übertrumpft am Ende alle anderen, auch wenn der „richtige Riecher“ eher auf Wissen von vor 5-10 Jahren basiert. „Et hätt noch immer jot jejange“. Und plötzlich holt einen die Marktrealität ein: der Wettbewerb hat bei Qualität und weiteren Leistungen aufgeholt. Neue Kundensegmente legen Wert auf Produktaspekte, die einem erst zu spät bewusst werden. Und sicher geglaubten Bestandskunden liebäugeln plötzlich mit der Konkurrenz.
  • Das „Executive Team“ hat regelmäßig neue Ideen, die unbedingt noch mit in die Planung eingehen müssen. Pläne von vor 3 Monaten sind Schnee von gestern oder sollen bitte weiter „soweit möglich“ bedient werden. Nichts wird fertig, die Time-To-Market wird länger und länger, verpasste Deadlines sind die Norm.
  • Kurzfristig anstehendende Kundenprojekte gehen fast immer vor der Verfolgung langfristiger Produktziele vor. Schließlich will man sich diese Deals nicht entgehen lassen, und für Strategie ist danach auch noch Zeit, wenn der Cashflow stimmt.
  • Die Produktteams stehen unter enormen Druck, die Produkte performen einfach nicht wie sie sollen. Die Teammoral ist am Boden, Fluktuation hoch und Burnouts keine Seltenheit.

Das sind klassische Situation, die in Unternehmen auftreten, die nicht zusammen an der Erreichung von klar festgelegten und messbaren Zielen arbeiten. Mangels einer klaren Produktstrategie stehen die lautesten Meinungen, die stärksten Bauchgefühle, falschverstandene Agilität und Zielerreichung mittels „Druck von oben“ im Vordergrund. Alles keine nachhaltigen Erfolgsfaktoren.

Jetzt haben wir uns angeschaut, warum es zu häufig (fatalerweise) keine Produktstrategien gibt.

Leider ist auch eine Produktstrategie selbst nicht der automatische Weg zum Erfolg. Aber wenn man die typischen Fallen kennt, in die Produktstrategiker tappen können, kannst man ihnen Indiana-Jones-mäßig aus dem Weg springen und ans Ziel kommen (nämlich zur von allen verstandenen Produktstrategie, die zum nachhaltigen Produkterfolg führt).

Also, werfen wir einen Blick auf die typischen Gründe, warum Produktstrategien scheitern:

Grund 1: Lösungen, die an Bedürfnissen vorbei entwickelt werden

Häufig sind Techunternehmen (vor allem in einem Ingenieursland wie Deutschland) so besessen von ihren Technologien und Lösungen, dass sie aus den Augen verlieren, ob es sich dabei überhaupt um ein dringliches Problem handelt (und welche Alternativen die potentiellen Kunden zur Verfügung haben). Gut gemeintes erstes Feedback von wohlgesonnenen Bestandskunden und Kollegen kann das Gesamtbild weiter verzerren. Haben wir es uns mit Suggestivfragen bei der Validierung vielleicht zu einfach gemacht?

Die Lösung: die eigene Blase verlassen. Das Problem und seine Dringlichkeit validieren. Echte Lerngespräche mit Kunden führen, in denen es um die Bedürfnisse, Ziele und Arbeitsweisen der Kunden, und weniger um Produkt- und Lösungsideen geht.

 

Übrigens:Wir gehen in die Cloud“ oder „Wir nutzen die Power der Blockchain“ sind keine Strategien, sondern lediglich technische Versatzstücke die möglicherweise dabei helfen können, Kundenbedürfnisse auf bessere Weise zu erfüllen. In die Strategie gehört aber vor allem die Information, welche Bedürfnisse von welchen Kundensegmenten das sind, wie sich das Unternehmen im Wettbewerb durchsetzen will (es ist bestimmt nicht das einzige, mit diesem Plan) und welche Initiativen entlang Entwicklung, Vermarktung und Abläufen in Angriff genommen werden müssen.)

Grund 2: Die „Alles-für-jeden“-Strategie

Es ist ein klassischer Fehlschluss, wenn die Zielgruppe sehr breit definiert wird, hat man damit nicht automatisch ein größeres Verkaufspotenzial. Im Gegenteil: selbst die Kunden, die besonders vom Produkt profitieren würden erkennen das Potenzial nicht sofort hinter dem breiten Funktionsspektrum und der allgemeinen Ansprache.

Wenn Produkte ohne klare Zielgruppe entwickelt und vermarktet werden, enden sie häufig als Enttäuschung. Trotz breitem potenziellen Kundenspektrum lassen sich nur wenige davon überzeugen (auch, weil es der Preis dieser „Alleskönner“ meist in sich hat). Diesen Produkten merken Kunden an, dass sie eher ein Sammelsurium an Ideen sind, als ein in sich konsistentes Produkt mit klarem Zweck.

Ein Beispiel wäre eine B2B-Software für die Steuerung und Optimierung von Unternehmensprozessen. Schließlich hat ja jedes Unternehmen Geschäftsprozesse, die optimiert werden könnten, oder? Wenn wir aber nicht klar definieren, auf welche Segmente mit welchen Prozessen und dazugehörigen Daten wir das Produkt ausgerichtet haben, verzetteln wir uns in der Produktentwicklung, bei der Priorisierung von Anforderungen und bei der Vermarktung. Mit viel Konfiguration und Aufwand lässt es sich vielleicht für viele Zwecke nutzen, aber trotzdem wirkt es auf Kunden wenig zweckmäßig.

Die Lösung: eine klare Marktsegmentierung, basierend auf der Dringlichkeit für die Problemlösung, passender Zielgruppen (addressierbar, nachhaltig, kaufbereit), der Wettbewerbssituation und eigener technologischer Ausrichtung und Fähigkeiten. Dann fällt nicht nur die Vermarktung leichter (wir wissen schließnlich, welche Kunden besonders zu uns passen, wo sie sich aufhalten und wie sie angesprochen werden wollen), sondern auch der Vertrieb wird effektiver.

Sollte das „Alleskönner“-Produkt bereits im Markt sein, kann eine Modularisierung der Produktkomponenten dabei helfen, gezielte Anwendungspakete für einzelne Kundensegmente zu schnüren und zu bepreisen. Hier kann ein marktorientiertes Produktmanagement selbst mit umfangreichen Produkten und Plattformen gezielte Zielgruppenansprache ermöglichen.

Merke: Segmentierung ist eines der wichtigste Werkzeuge bei der Entwicklung von Produktstrategien.

Grund 3: Fehlendes Buy-in der Stakeholder

Die Produktstrategie wurde vorgestellt und auch irgendwie abgenommen, aber in der Umsetzung stehen wichtige Ressourcen plötzlich nicht zur Verfügung, andere Initiativen werden vorgezogen und Meilensteine werden immer wieder verlegt. Diagnose: fehlendes Bekenntnis (neudeutsch „buy-in“) der Entscheider zur Strategie und daher auch der anderen Geschäftsbereiche, die für die Umsetzung so wichtig sind. Der Rückhalt bei der Umsetzung fehlt.

Dafür kann es mehrere Gründe geben.

  1. Dem Produktmanager/der Produktmanagerin fehlt es an ausreichenden Belegen für die Strategie, das Management zeigt aber guten Willen und hofft auf „agile Arbeitsweise“ bei der die Belege mit der Zeit schon eintrudeln werden.
  2. Das Management setzt auf zuviele Pferde gleichzeitig und muss daher regelmäßig Prioritäten und entsprechende Ressourcen verschieben. Strategien, die vor kurzem noch abgesegnet schienen sind plötzlich Schnee von gestern.

Die Lösung:

Klares Stakeholdermanagement, bei dem ein klares Bekenntnis zur Strategie und den benötigen Ressourcen gefordert wird.

Fazit

Leider werden in vielen Unternehmen Produktstrategien immer noch stiefmütterlich oder halbherzig entwickelt. Dabei ist eine klare Produktstrategie wichtig, um sich nicht im hektischen Produktalltag mit seinen vielfältigen Anforderungen zu verzetteln. Vorlagen helfen, die Inputs zu strukturieren und auf Vollständigkeit zu prüfen, sie ersetzen aber keine Kunden- und Marktanalyse. Obwohl oft vernachlässigt, sind die Identifizierung von Kundensegmenten, die Validierung des Kundenbedarfs und das Sicherstellen des Engagements der Führungskräfte entscheidend, um die klassischen Fallstricke zu umgehen. Eine klare, zielgerichtete Produktstrategie ist der Kompass, der Unternehmen durch die turbulenten Gewässer der Marktentwicklung und Produktinnovation navigieren lässt.

Eine klare Produktstrategie ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für nachhaltigen Markterfolg.

 

Jan Harste

Jan Harste

 

 

April 17, 2023

Produktmanager und Product Owner – wo sind die Unterschiede?

Von Ulf Greiner – Produktmanagement-Trainer, Mentor und Agile Coach

Produktmanager und Product Owner – zwei Titel, die auf den ersten Blick darauf schließen lassen könnten, dass es hier um denselben Job geht. Und das ist auch der Grund, warum in so manchem Unternehmen oder Produkt-Team Verwirrung darüber herrscht, wie sich diese Rollen denn abgrenzen lassen, wenn beide vorhanden sind.

Warum gibt es sowohl sowohl Produktmanager als auch Product Owner?

Eine berechtigte Frage mit einer Antwort, die ein bisschen in die Historie dieser beiden Titel einsteigen muss. Der Job des Produktmanagers und die Rolle des Product Owners im Scrum Prozess sind unabhängig voneinander und aus anderen Kontexten entstanden, auch wenn es Überschneidungen gibt. Produktmanager gibt es mindestens seit den 90ern und ist die Weiterentwicklung von „Brand Managern“ (im FCMG-Segment) und „Program Managern“ (im Software-Bereich). Als essentieller Teil des Marketing-Mix sollte eine Person das Produkt, seine Promotion und Distribution und den Produkterfolg verantworten. Diese Person wurde Produktmanager genannt.

Die Rolle des Product Owners entstand als Teil von Scrum (eine Methode der agilen Produktentwicklung). Der Product Owner soll als interne Rolle des Scrum-Teams die Bedürfnisse der Anwender sowie des Marktes sowie Wettbewerb und zukünftige Trends repräsentieren. Product Owner haben zur Aufgabe sichzustellen, dass ein Produkt entwickelt wird, das für Anwender einen Mehrwert liefert, dass sie gerne nutzen und mit dem sich das Unternehmen nachhaltig im Wettbewerbsumfeld behaupten kann.

Wie sollten Product Owner und Produktmanager voneinander abgegrenzt werden?

Vorweggesagt: es gibt hierbei nicht die eine Wahrheit und Definition, die bei jeder Organisation angewandt werden kann. Genau wie die Titel Produktmanager und Product Owner ihre eigene Entstehungsgeschichte haben, so haben auch Unternehmen eine eigene Historie, wie sie Produktmanager und Product Owner für sich definiert haben.

Das Thema wird dennoch insbesondere in Europa und im deutschsprachigen Raum immer wieder intensiv diskutiert. Vielleicht liegt es daran, dass deutsche Unternehmen gerne „Regeln und Klarheit“ haben und sich gerne klar definierten Normen anschließen. Vielleicht aber auch, weil Produktmanagement in Europa im Vergleich zu den USA eine jüngere Disziplin ist und sich daher parallel unterschiedliche Sichtweisen bildeten (die unterschiedlichen Kulturen und Sprachen mögen außerdem ihren Teil dazu beigetragen haben…).

Es ist daher wichtig, sich eine eigene Meinung zu beiden Rollen zu bilden und Klarheit in der eigenen Organisation zu schaffen. Der bekannte Product Coach und Autor Marty Cagan hat dazu wie gewohnt eine ziemlich eindeutige Meinung: “The Product Owner is just 10% of the Product Management job. Product Owner is a role. Product Management is a job.” Das ist natürlich sehr überspitzt formuliert. Dennoch stimme ich der Grundaussage zu. Die Unterscheidung zwischen “Job” und “Rolle” ist hier sehr nützliches Gedankenkonstrukt. Typischerweise vereinen Produktmanager mehrere Rollen in ihrem Job. Sie sind Innovationstreiber, Chancenmaximierer, Intrapreneure, Dolmetscher und Kommunikatoren, Champion des Kundenproblems oder auch Verbesserer und Optimierer. Das macht ihren Job so herausfordernd, aber gleichzeitig auch so spannend.

Mit 20 Jahren Erfahrung in Produktmanagement-Positionen bin ich natürlich voreingenommen. Dennoch habe ich in Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern, sowie im Rahmen meiner Weiterbildung zum Certified Scrum Master und Agile Coach viele Einblicke in die Definition und Ausgestaltung dieser Rolle in der Praxis gewonnen. Eine der Hauptursachen für die Verwirrung um diese Begriffe ist, dass viele Organisationen diese Titel austauschbar verwenden, ohne die Ursprünge der Product Owner-Rolle zu kennen, die größtenteils durch Scrum geprägt wurde. Führungskräfte glauben oft fälschlicherweise, dass ein Product Owner einfach eine „moderne und agilere“ Beschreibung eines Produktmanager ist. Die Praxis zeigt jedoch, dass es viele Ausprägungen beider Rollen gibt, insbesondere wenn nur eine davon in einer Organisation existiert.

Die Vogelperspektive: das Warum, das Was und das Wie der Produktentwicklung

Ein guter Startpunkt ist das Framework von Paul Inness, das auf der Grundannahme basiert, dass für die erfolgreiche Produktentwicklung drei W-Fragen beantwortet werden müssen.

  • Warum entwickeln wir das Produkt (welche Kunden- und Anwenderbedürfnisse werden erfüllt, was bringt es uns als Anbieter)?
  • Was wird entwickelt? (welche Anforderungen und Jobs muss das Produkt erfüllen, welche Funktionen soll es beinhalten, was wäre ein MVP?)
  • Wie erreichen wir das? (Welche technologischen Voraussetzungen brauchen wir dafür, wie gelingt die Umsetzung der Entwicklung?)

Die Verantwortung zur Beantwortung dieser Fragen liegt im Zusammenspiel von Produktmanager, Product Owner und Entwicklungsabteilung (natürlich mit Unterstützung weiterer Rollen wie z.B. Produktdesign, User Experience oder Interaktionsdesignern)

In der Praxis entstehen aus dem speziellen Unternehmenskontext heraus verschiedene mögliche Modelle beim Einsatz der Rollen Produktmanager und Product Owner:

  1. Es gibt nur Produktmanager und die Product Owner-Rolle kommt nicht zum Einsatz (z.B. weil nicht nach Scrum-Methoden gearbeitet wird)
  2. Es gibt Produktmanager, die gleichzeitig die Scrum Product Owner-Rolle übernehmen
  3. Es gibt sowohl Produktmanager als auch Product Owner, die in gemeinsamer Abstimmung den Produkterfolg vorantreiben
  4. Es gibt Product Owner, die auch Produktmanagement-Verantwortlichkeiten übernehmen
  5. Es gibt nur Scrum-Product Owner und Produktmanagement-Verantwortlichkeiten werden in anderen Abteilungen übernommen oder finden nicht statt.

Hier einmal schematisch dargestellt:

Die Realität – unterschiedliche Konstellationen in Tech-Unternehmen

Wie sieht es aber in der Praxis aus? Welche Konstellationen existieren in Unternehmen mit Produktmanagement-Organisationen?

Wir können diese Frage zum Glück beantworten, denn jedes Jahr führen wir eine Marktstudie zur Praxis im Produktmanagement und Produktmarketing durch. In der Studie von 2023 mit 947 Teilnehmenden aus 50 Ländern haben wir erneut die Frage gestellt, welche Produktmanagement- Rollen in ihrem Unternehmen existieren.

Das folgende Bild ergibt sich dabei für 2023:

Produktmanager und Product Owner Aufgaben – wer macht was?

Existiert nur eine der beiden Rollen, findet man in aller Regel eher die Rolle des Produktmanagers (Modell 1 – 21%) bzw. den Produktmanager dessen Rolle die Aufgaben des Product Owners im Scrum-Kontext beinhaltet (Modell 2 – 31%).

Existieren beide Rollen nebeneinander (Modell 3 – 32%) , fokussiert der Produktmanager sich typischerweise stärker auf das „Warum“ des Produkts (welche Probleme lösen wir, welche Kundenbedürfnisse adressieren wir). Der Product Owner konzentriert sich eher das „was“ (was ist das passende Produkt) und das “wie” (wie setzen wir das um). Letzteres sollte dabei vor allem in der Zusammenarbeit mit der Entwicklung gemeinsam erarbeitet werden. Der Product Owner ist für das Product Backlog verantwortlich und stellt sicher, dass das Team die richtigen Dinge entwickelt und auf die Bedürfnisse der Kunden und des Unternehmens ausgerichtet ist. Er arbeitet eng mit dem Team zusammen und stellt sicher, dass die priorisierten Anforderungen im Product Backlog verstanden und richtig umgesetzt werden. Product Vision und Roadmap können hier als Artefakte dienen, die von beiden Rollen gemeinsam gestaltet werden.

 

Sein Aufgabenfeld ist typischerweise breiter angelegt als die eine Product Owners:

  • Ein Produktmanager ist häufiger im Kundenkontakt (über die Produktentwicklung hinaus)
  • Ein Produktmanager agiert unternehmerischer und ist daher stärker in den betriebswirtschaftlichen Themen involviert, wie Geschäftskennzahlen, Business Pläne, Preisgestaltung, Finanzplanung, KPIs, Prognosen und Planung
  • Ein Produktmanager hat mehr mit marktnahen Funktionen wie Marketing, Vertrieb und Support zu tun
  • Ein Produktmanager interagiert häufiger mit nicht-produktbezogenen internen Stakeholdern wie Finanzen, Recht und Management
  • Ein Produktmanager hat typischerweise eine höhere Verantwortung in Bezug auf P&L (Gewinn und Verlust).
  • Ein Produktmanager sollte eher ein Generalist als ein Spezialist sein.

Fazit

Beide Rollen können allein existieren und unterschiedlich ausgestaltet werden. Haben Organisationen sowohl Produktmanager als auch Product Owner, sollten sie sich komplementär ergänzen. Die übergeordneten Ziele sind es gemeinsam sicherzustellen, dass die richtigen Produkte entwickeln werden, die den wichtigsten Bedürfnissen der Kunden aber auch des Unternehmens entsprechen, um so langfristigen Erfolg zu erzielen.

Wie auch immer Dein Unternehmen aussieht, das Fundament für wirksame Product Owners und Produktmanagers ist eine klare Rollendefinition. Stelle also sicher, dass Deine gesamte Organisation ein gemeinsames Verständnis von den wichtigsten Aufgaben und Verantwortungen hat.

 

Ulf Greiner – Trainer bei ProduktManagementor und Agile Coach

September 1, 2022

Der visuelle Leitfaden zu den besten Büchern im Produktmanagement

Schau unsere Infografik an, um das für dich passende Buch zu finden.

Vielleicht kennst Du bereits unsere Leseliste für Produktmanagement-Bücher, sie listet Bücher auf, die Produktmenschen unserer Meinung nach kennen und idealerweise gelesen haben sollten.

Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und haben – mit Unterstützung von Autor Nils Janse – die wichtigsten Bücher in einen visuellen Leitfaden untergebracht, mit dem Du einen Überblick bekommst, welches Buch sie für welchen Zweck besonders eignet. Den Original-Blogartikel von Nils findest Du hier.

Wir wünschen viel Spaß mit unserem Visuellen Leitfaden für die besten Produktmanagement Bücher 2022!

Der ideale Startpunkt

Das erste Buch ist der Ausgangspunkt in unserer visuellen Übersicht und es ist auch das einzige Buch, das wir als „nicht-optional“ ansehen würden. 🙂

Zum Buch

Inspiriert – Marty Cagan

„Inspiriert“ von Marty Cagan gilt zurecht heutzutage als „Bibel“ des Produktmanagements. In dem Buch werden alle Aspekte modernen Produktmanagements abgedeckt, wenn auch nicht in jedem Detail. Das Buch ist außerdem ein sehr guter Leitfaden für Discovery-Arbeit.

Es gehört in jeden Bücherschrank (oder Nachttisch) von Produktmanager*innen und ist der ideale Startpunkt um weiter in die Welt des Produktmanagements zu tauchen. Nachstehend findest du weitere Bücher für die „Deep-Dives“.

Kleine Warnung: da Marty Cagans Sicht auf Produktmanagement sich von der Realität manchen Unternehmens stark unterscheidet, kann man beim Lesen manchmal neben „inspiriert“ auch etwas „frustriert“ sein. 😉

Einstieg und Recruitment im Produktmanagement

Du möchtest als Produktmanager*in einsteigen (oder stellt selbst ein)? Mit diesen Büchern gelingt der Einstieg in Techunternehmen. Und wenn Du selbst Produktmanager einstellst, dann sind diese Bücher eine gute Quelle um seinen Gegenüber und die Einstellprozesse in anderen Unternehmen zu verstehen.

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Cracking the PM Interview – Gayle McDowell, Jackie Bavaro

Dieses Buch geht sowohl auf den Job des Produktmanagers selbst als auch auf die einzelnen Schritte im Bewerbungsprozess ein. Es ist somit das etwas umfassendere und eingängigere von den beiden Büchern. Wenn Du planst dich im Produktmanagement zu bewerben (oder einen Jobwechsel anstrebst) solltest du dieses Buch gelesen haben!

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Decode and Conquer – Lewis Lin

In „Decode and Conquer“ wird es spezifischer und es geht ganz konkret um die typischen Fragen und passende Antworten im PM-einstellungsgespräch. Es enthält zahlreiche Beispielfragen und Antworten – wenn Du also voll vorbereitet sein willst, lies auch dieses Buch!

Du möchtest dich in der PM-Rolle weiterentwickeln?

In diesem Abschnitt steigen wir in konkrete Aufgabenbereiche im Produktmanagement ein, vom Allgemeinen zum Speziellen. Je nach eigener Ausrichtung oder den aktuellen Herausforderungen findest Du hier gute praxisnahe Bücher um dein Wissen schnell und effektiv zu erweitern.

Beispiele, Tipps und Tricks aus der Praxis

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Product Management in Practice – Matt Le May

Das Buch von Matt Le May nimmt den Leser an die Hand und führt in durch verschiedene typische Szenarien und Herausforderungen, die Produktmenschen begegnen und liefert konkrete Tipps, wie sie bewältigt werden. Matt veranschaulicht die Herausforderungen über eigene Anekdoten aus der Praxis, die jedem Produktmanager bekannt vorkommen dürften. Es ist damit etwas „geerdeter“ als „Inspiriert“ von Marty Cagan.

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Praxishandbuch-Produktmanagement – Erwin Matys (nicht in Grafik aufgeführt)

Auch wenn unser visueller Leitfaden die internationale, englischsprachige Welt des Produktmanagements aufgreift, kommen wir nicht umher, hier auch den Klassiker der deutschsprachigen Produktmanagement-Literatur von Erwin Matys zu nennen.

Es ist DAS umfassende Nachschlagewerk im deutschsprachigen Raum und kommt mit vielen Vorlagen und praxisbasierten Herangehensweisen. Durch die übersichtliche Gliederung entlang aller Aktivitäten im Produktmanagement ist es die ideale Begleitreferenz für jeden Produktmanager.

 

Ziele setzen

Ohne das Setzen von Zielen wird Aufgaben- und Featurepriorisierung schnell beliebig und ist zu sehr den Launen einzelner Stakeholder unterworfen (das „Who shouts loudest“-Syndrom). Gleichzeitig müssen Geschäftsziele auch mit den Zielen der Kunden abgestimmt sein, so dass Produkte den idealen Product-Market-Fit erreichen. Wir stellen zwei Bücher vor, die sich diesem Spannungsfeld aus verschiedenen Perspektiven nähern.

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OKR: Objectives and Key Results – John Doerr

Die OKR-Methodik (OKR = Objectives and Key Results) hält immer mehr Einzug in Unternehmen – zurecht, denn sie vereinheitlich Zielsetzung dahingehend, dass Unternehmens, Produkt- und Teamziele aufeinander abgestimmt werden. Die Methodik wurde von Andy Grove bei Intel entwickelt und sie bringt qualitative Ziele (Objectives) mit quantitativen Zielen (Key Results) zusammen und verbindet sie mit konkreten Initiativen, die Teams und Unternehmen eine messerscharfe Fokussierung auf die Dinge ermöglichen, auf die es ankommt. Es wird nur noch das verfolgt, was wirklich sinn- und erfolgsstiftend ist, und alle Aktivitäten ordnen sich diesen Zielen unter.

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Outcomes over Output – Joshua Seiden

Wo die OKR-Methodik bei den Geschäfts- und Produktzielen ansetzt, veranschaulicht das Buch von Joshua Seiden wie Produktmanager die gewünschten Outcomes (Ergebnisse) der Kunden ermitteln und mit ihren Produkten erfüllen können.

Die Grundprämisse des Buches ist, dass die Einführung und Nutzung von Outcomes um Kundenbedürfnisse zu verstehen unabdingbar ist, um den Schritt von reiner Feature-Entwicklung zu nachhaltigem Geschäftsnutzen zu machen.

Wenn Du lernen willst, wie das in der Praxis umgesetzt wird, wie du Experimente durchführst, den Fortschritt misst und die dazugehörige Arbeit organisierst, dann ist dieses Buch etwas für dich!

Mit Kunden sprechen

Es klingt leichter als es ist: mit Kunden zu sprechen ist eine unterschätzte Disziplin und zu oft führen falsche Fragetechniken und fehlende Vorbereitung lediglich zu einer langen unvalidierten Featureliste bestehend aus Kundenwünschen. Mit den richtigen Fragetechniken bekommen wir Einblicke in die wirklichen Bedürfnisse und verhindern, dass uns die Kunden aus Verlegenheit oder mangels besseren Wissens auf Lösungsschienen bringen, die in eine Sackgasse führen.

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Der Mom Test – Rob Fitzpatrick

Rob Fitzpatrick hat in seinem Leben mit vielen Kunden gesprochen und wurde – laut eigener etwas augenzwinkernder Aussage – dabei häufig „angelogen“. Denn obwohl er alles umsetzte, was die Kunden von ihm forderten, floppten seine Produkte. Bis er den Code für die richtigen Fragen knackte.

Im kompakten Buch „Der Mom Test“ stellt er uns diesen Code und konkrete Fragetechniken vor, die Produktmanagern bessere Antworten aus den Kunden hervorlocken. Diese helfen uns dann auch die oben genannten Outcomes klarer zu definieren. Das Buch ist allein schon wegen seiner Kompaktheit und Eingängigkeit eine klare Empfehlung für jeden Produktmanager.

Discovery durchführen

Sobald wir unsere Ziele gesetzt haben und mit ersten Verständnis zu den Kundenbedürfnissen gewappnet sind, wird es Zeit in die Discovery zu gehen. Das bedeutet, den Problem und Lösungsraum iterativ zu erforschen und zu verstehen, welche Lösungen wirklich nützlich und umsetzbar sind. Wir stellen zwei Bücher vor, die zwei verschiedene Ansätze vorstellen, wie ihr erfolgreich zu diesen Erkenntnissen kommt.

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SPRINT – Jake Knapp

Der SPRINT-Ansatz von Google Ventures hat die Startup-Welt durchgewirbelt, schließlich verspricht er innerhalb nur einer Woche alle Schritte von der Problemdefinition über Lösungsiterationen zu ersten Prototypen und Kundenfeedback zu kommen. Wenn ihr schnelle „Quick-Wins“ benötigt, liefert SPRINT euch das passende Playbook, allerdings…

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Continuous Discovery Habits – Teresa Torres

…wenn Du Discovery nicht nur im Schnelldurchlauf sondern als durchgehende Aktivität durchführen willst (was du solltest!), dann bist Du bei Teresa Torres an der richtigen Adresse.

„Produktteams müssen ständig Entscheidungen treffen. Und wenn sie nur einmal im Monat mit Kunden reden, dann treffen sie 30 Tage lang Entscheidungen ohne Kundeninput.“ Dieser einfache Satz bringt die Idee hinter der Continuous Product Discovery auf den Punkt.

In ihrem Buch zeigt Teresa Torres wie häufig und mit welchen Methoden diese Discovery durchgeführt werden sollte um klare Prioritäten setzen und erfolgreiche Produkte entwickeln zu können.

Klarheit schaffen, durch die Nutzung von…

Wenn klarer wird, wie die Lösung für den Kunden aussehen sollte, wird es Zeit die Entwicklung einzusteuern. Das bedeutet, dass ein gemeinsames Verständnis zu den User Stories, Epics und der übergreifenden Roadmap geschaffen werden muss, um das Produkt-Team inkl. UX und Entwicklung sowie weitere Stakeholder auf gemeinsame Ziele einzuschwören.

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…User Stories. User Story Mapping – Jeff Patton

User Stories haben die Produktentwicklung in den letzten Jahren kundenzentrierter gemacht und mehr Stakeholdern ermöglicht, an der Produktentwicklung teilzuhaben. Aber auch User Stories schützen nicht vor dem Feature-Factory-Syndrom, wenn sie in keinen größeren Kontext gesetzt werden. Jeff Patton beschreibt in „User Story Mapping“, wie wir mit User Story Mapping Struktur in die Anforderungen bringen und uns so über die User Journey und die entsprechenden Prioritäten im Klaren werden.

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…Feature-Dokumente. Epic Alignment – Nils Janse

Wenn Produktteams nicht im selben Raum sitzen und auch zeitlich versetzt arbeiten, dann sind Feature-Dokumente der beste Weg um ein gemeinsames Verständnis dazu schaffen, was entwickelt werden soll. Nils Janse beschreibt in seinem Buch, wie das gelingt. Dazu hat er mehr als 300 Produktmanager interviewt und die besten Techniken in seinem Buch zusammengefasst. Jeff Patton (der Autor von „User Story Mapping“) schrieb hier das Vorwort und sieht das Buch als gute Ergänzung, wenn konkrete Features aus den User Stories heruntergebrochen werden müssen.

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…Roadmaps. Product Roadmaps Relaunched – Bruce McCarthy et al

Dieses Buch hat dem etwas angestaubten (und in manchen Kreisen schon abgeschriebenen Thema „Roadmaps“) neues Leben eingehaucht – und wie!

Mit vielen anschaulichen Beispielen von Roadmaps aus der echten Welt und Beispiel-Produkten zeigen die Autoren, wie Roadmaps durch den richtigen Detailgrad dafür sorgen, ein gemeinsames Verständnis zur Ausrichtung des Produkts zu erzeugen und typische Probleme von Roadmaps zu umgehen, die eher verwirren oder Teams frühzeitig unter unnötigen Lieferdruck setzen.

Nutzerverhalten beeinflussen

Um die erwünschten Outcomes für die Kunden erreichen müssen unsere Produkte das Nutzerverhalten  verändern. Die folgenden beiden Büchern zeigen verschiedene Ansätze um das zu erreichen. Der erste Buch legt den Fokus darauf, wie wir Anwendern helfen können, ihre Arbeitsweisen zu optimieren und das zweite Buch will Nutzer an das Produkt binden (böse Zungen sagen „sie süchtig machen“).

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Badass: Making Users Awesome – Kathy Sierra

Kathy Sierra sagt, dass der Schlüssel zum Erfolg jeden Produkts oder jeder Dienstleistung darin liegt, dass die Anwender es gerne nutzen. Die Voraussetzung dafür ist ein klarer Verständnis der Arbeitsabläufe und Arbeitsweisen der Anwender. In ihrem Buch beschreibt sie, wie wir Anwendern dabei helfen können sich „badass“ zu fühlen – weil sie ihren Job voll unter Kontrolle haben und effektiver, schneller oder auch kreativer arbeiten können. Wenn sich Anwender in unserer Produkt verlieben, wird es schwer für die Konkurrenz.

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Hooked – Nir Eyal

Nir Eyal möchte mit seinem Buch dafür sorgen, dass Software-Produkte die Belohnungsmechanismen im Hirn ansprechen und die Anwender somit stärker an das Produkt binden. Es hatte enormen Einfluss auf die Art wie moderne Apps (z.B. Instagram, Twitter, Facebook) aufgebaut sind.

Die Ansätze in dem Buch – wenn auch enorm erfolgreich – sind nicht unumstritten, da sie eben auch Suchtverhalten fördern können (gedankenloses App-Scrolling, sofortiges Reagieren auf eine Benachrichtigung auf dem Homescreen). Wer aber in der B2C Software-Welt zu Hause ist sollte sich mit den Ideen aus dem Buch auseinandersetzen.

Du möchtest Product Leader werden?

Wir treten zwei Schritte zurück und werfen einen Blick auf die Dinge, die Product Leader (Heads of Product, Leiter Produktmanagement und Senior Produktmanager) umtreiben: nämlich wie Produkt-Teams befähigt werden können, Produkte zielgerichtet und möglichst autonom zum Erfolg zu führen und dort zu halten, und dabei echter Kundenfokus bewahrt wird (statt nur gedankenlos Feature über Feature zu entwickeln).

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Raus aus der Feature-Falle – Melissa Perri

Melissa Perri geht noch konkreter auf die Problematik der „Feature-Falle“ ein, bei der Teams lediglich neuen vielversprechenden Feature-Ideen und Wünschen hinterherlaufen und ihren Erfolg an diesen entwickelten Features statt am Mehrwert für die Kunden messen. Es hat somit einige Überschneidungen mit „Outcomes over Output“ von Joshua Seiden. Melissa Perri betrachtet dazu sowohl die übergreifende Organisation und notwendigen Denkweisen (die für Führungskräfte augenöffnend sein können) als auch konkrete Tipps für die Umsetzung.

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Empowered – Marty Cagan

Nach dem großen Erfolg von „Inspired/Inspiriert“, wurde Marty Cagan bewusst, dass einer der Schlüssel für erfolgreiche Produktteams die Art und Weise ist, wie sie durch die Geschäftsführung in die Lage versetzt werden, den Job zu machen. Marty Cagan hat beobachtet, wie Micromanagement und Hierarchiedenken dazu führen, dass Produkt-Teams immer ineffektiver werden und nur noch Features liefern, die von Stakeholdern gefordert werden. In seinem Buch zeigt er auf, welche Einstellung und welche Organisation notwendig ist, damit auch weniger „gewöhnliche“ Produktteams in kurzer Zeit außergewöhnliche Produkte entwickeln (daher der Untertitel: „Ordinary People, Extraordinary Products“).

Du möchtest mehr über eine bestimmte Phase im Lebenszyklus lernen?

Hier führen wir einige Bücher auf, die sich für die zielgerichtete Arbeit in bestimmten Phasen des Produktlebenszyklus bewährt haben. Dazu gehört die frühen Phasen der Entwicklung in denen Ideen getestet sowie Value Propositions und MVPs entwickelt werden, als auch das erfolgreiche Skalieren wenn das Produkt einmal im Markt ist.

Für die Frühphasen der Entwicklung

In den früheren Phasen der Produktentwicklung (und auch wenn Produkte per „Pivot“ neu ausgerichtet werden sollen) können die folgenden Bücher helfen, die richtige Vorgehensweisen anzuwenden.

 

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Lean Startup – Eric Ries

Ein absoluter Klassiker der Produktmanagement- und Business-Literatur, der sich mit den frühen Phasen der Produktentwicklung auseinandersetzt. Produktteams profitieren von der klaren Herleitung des Mehrwerts eines MVPs bei der Entwicklung und bei der Verringerung der Risiken. Als Leser wird man geradezu imprägniert gegen den Drang drauflos zu entwickeln ohne eine Idee vorher mit der klar definierten Zielgruppe getestet zu haben. Ein Buch, das für Startups und Produktteams immer eine große Relevanz haben wird.

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Lean Product Playbook – Dan Olsen

Dan Olsen ist der Kopf hinter dem „Product-Market-Fit“ und er liefert mit seinem Buch den praktischen Leitfaden für die konkrete Umsetzung der Grundprinzipien des Lean Startup zur Erreichung eben diesen perfekten Abgleichs von Produkt und Marktbedürfnissen. Dazu gehört zum Beispiel die klare Zielgruppendefinitionen, die Ergründung von Kundenbedürfnissen sowie die Entwicklung einer schlagkräftigen Produktstrategie und von MVP Prototypen.

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Value Proposition Design – Alexander Osterwalder et al

Value Proposition Design ist die ideale Ergänzung der genannten Bücher, wenn es darum geht, ein Kundenversprechen zu entwickeln, das ein Produkt wirklich aus der Masse abhebt. Mit vielen auch visuellen Beispielen und Tools wie dem Value Proposition Canvas werden die Prinzipien des Value Proposition Designs sehr greifbar dargestellt und lassen sich die Ideen des Buchs enorm schnell in die Praxis umsetzen. Das Buch beschreibt, wie Produkte zu Must-Haves werden (und auch so kommuniziert werden), und ist selbst für jeden Produktmenschen mit Innovations- und Wachstumsdrang ein Muss.

Wenn du weiter skalieren möchtest

Es gibt innovative und spannende Produkte, die nach kurzer Zeit im Markt trotzdem gescheitert sind, weil sie einfach keine kritische Masse an Kunden erreichen konnten. Zum Glück gibt es Literatur, die sich mit diesem Problem auseinandergesetzt hat und aufzeigt, wie man die Fallstricke der Wachstumsphase geschickt umgeht.

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Crossing The Chasm – Geoffrey Moore

Schon in den 90er Jahren hat Geoffrey Moore erkannt, welche Dynamiken dafür sorgen, dass Technologieprodukte, die von den frühen Kunden gefeiert werden trotzdem in der Wachstumsphase floppen. Sie fallen in die „Kluft“ (engl. „Chasm“) die sich zwischen frühen Käufern und den Pragmatikern des Massenmarktes auftut. Inzwischen in der 3. Auflage erschienen ist dieser Klassiker immer noch aktuell und liefert Einblicke in aktuelle Beispiele und konkrete Methoden wie die Kluft verringert und der weitere Markt erfolgreich erschlossen werden kann.

Fazit

Dies ist unser bescheidener Versuch, eine aktuelle Übersicht zur unser Meinung nach besten Literatur für Menschen zu liefern, die Produkte entwickeln möchten, die die Kunden lieben. Sie hat natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und wir empfehlen jedem Leser individuell zu prüfen, welche Bücher und welcher Stil zu den aktuellen Herausforderungen, der persönlichen Entwicklung und der Lebenszyklusphase des Produkts passen.

Wir hoffen aber, dass unser visueller Leitfaden den ein oder anderen hilfreichen Impuls geben kann, mehr über bestimmte Themen zu lernen, tiefer einzusteigen und sich mit mehr Wissen für die Aufgaben und Herausforderungen zu wappnen.

Kostenloser Lesestoff – unsere Produktmanagement-Journale

Du möchtest weiteren Lesestoff zu verschiedenen Aspekten, des PM-Jobs? Dann schau dich bei unseren Produktmanagement-Journalen um! 15 Ausgaben voll mit Praxistipps zu Themen von Strategie über Anforderungen und Roadmapping bis hin zum Produktmarketing.

Juli 5, 2022

Produktmanagement von Dienstleistungsprodukten – darauf kommt es an!

Ein Gastbeitrag von Erwin Matys – Autor des beliebten Produktmanagement-Handbuches und vieler anderer Produktmanagement-Publikationen.

Dieser Gastbeitrag geht auf eine Einladung von Produktmanagementor zurück, ein paar Tipps aus meiner Arbeitspraxis zu liefern. Die Frage war: Worauf sollte man im Produktmanagement von Dienstleistungsprodukten besonders achten?

Um dieses Thema zu beleuchten, greife ich hier auf Empfehlungen zurück, die auch in meinen Beratungsprojekten immer wieder eine große Rolle spielen – im Wesentlichen geht es im Produktmanagement von Dienstleistungsprodukten um drei Besonderheiten:

1.Dienstleistungen sind nicht greifbar.

Das heißt, dass man als PM die Dienstleistungen für Kunden glaubhaft machen muss. Dadurch, dass man sie bildlich beschreibt, Beispiele und Referenzen schafft und möglichen Kunden Ergebnisse zur Verfügung stellt. Wichtig ist auch, interne Qualitätsstandards zu etablieren und diese den potenziellen Auftraggebern aufzuzeigen. Durch die fehlende Gegenständlichkeit müssen auch kritische Punkte im Verkauf (wie ausreichende Bedarfserhebung und Kosten-Nutzen-Transparenz) noch stärker als bei konkreten Produkten beachtet werden.

2. Dienstleistungen sind nicht lagerbar.

Die Unmöglichkeit, Dienstleistungen zu lagern, zeigt stark die Beschränkungen auf, denen man als PM eines Dienstleistungsprodukts unterliegt. Dazu gehören die Limitationen durch vorhandenes Personal, die Begrenzungen im Vertrieb (klassische Vertriebskanäle sind oft nur schlecht nutzbar) und die Notwendigkeit, bestimmte Kapazitäten (Räumlichkeiten und Ausrüstung) ständig bereitzuhalten. Auch in diesem Bereich zeigt sich deutlich die Notwendigkeit, als PM Standards zu schaffen und damit den Einsatz der vorhandenen Ressourcen zu optimieren.

3. Dienstleistungen haben oft einen hohen Personenbezug.

Dienstleistungsprodukte sind in vielen Fällen untrennbar mit den Personen verbunden, die sie erbringen. Dieses Merkmal zeigt auf, dass der Erfolg eines Dienstleistungsanbieters in vielen Fällen vom Einsatz und der Kompetenz seiner Mitarbeiter bestimmt wird. Diese Verknüpfung reicht im Extremfall bis zur Abhängigkeit von hochkarätigen Spezialisten. Solch eine Situation kann man als PM mit strengen Vorgaben und autoritärem Führungsstil nicht in den Griff bekommen. Motivation, Vertrauen und Weitblick des einzelnen Mitarbeiters, die für eine starke Kundenorientierung notwendig sind, lassen sich nur auf einem Weg erreichen: durch starkes Einbeziehen des einzelnen Mitarbeiters in die Entwicklung der Dienstleistung und der betroffenen Prozesse.

In einem gemeinsamen Webinar im Mai 2022 haben Jan Harste und ich diese Eigenschaften und ihre Konsequenzen für das Produktmanagement näher beleuchtet.

Zusätzlich haben wir drei Kennzeichen vorgestellt, mit denen sich jedes Dienstleistungsprodukt genauer charakterisieren lässt: Der Immaterialitätsgrad, der Interaktionsgrad und der Individualisierungsgrad. Diese drei Parameter liefern für jedes spezielle Dienstleistungsprodukt sofort konkrete Hinweise, worauf in der Vermarktung der jeweiligen Leistung besonders zu achten ist. Das Webinar wurde aufgezeichnet und kann hier angesehen werden:

Wie in unserer Diskussion deutlich herauskommt, spielen Standardisierung und Qualitätsmanagement von Dienstleistungsprodukten eine große Rolle. Mehr darüber ist in diesen beiden Publikationen zu erfahren:

Der Titel Dienstleistungsmarketing bietet eine Einführung in die Vermarktung von Dienstleistungsprodukten. Das Praxishandbuch Produktmanagement enthält ein spezielles Kapitel über das Produktmanagement dieser nicht-greifbaren Produkte. Beide Publikationen sind auf praxishandbuch-produktmanagement.de näher beschrieben.

Abschließend nochmals ein herzliches Danke an Jan Harste und Thomas Moder für die Einladung zu den Gastbeiträgen.

Allen Leserinnen und Lesern dieser Zeilen wünsche ich viel Erfolg beim Design, bei der Vermarktung und beim Management ihrer Dienstleistungen!

Erwin Matys

Wir von ProduktManageMentor bedanken uns ebenfalls bei Erwin Matys für diesen aufschlussreichen Beitrag und das Webinar!

Mai 18, 2022

Keine Angst vor Marktsegmentierung

Von der Angst, Kunden und Verkaufsgelegenheiten „durchs Netz gehen zu lassen“

von Thomas Moder
Produktmanagement-Enthusiast und PMM-Trainer und -Mentor

Als Produktmanager bin ich es gewohnt, Segmentierungsmodelle für alle möglichen Märkte zu erstellen, um Produktchancen, Ansprache und Maßnahmen besser einschätzen und priorisieren zu können. Für mich fühlt sich das als etwas Logisches und Natürliches an. Doch in Unternehmen kann das natürlich komplett anders empfunden werden. Gerade vertriebs- und projektorientierte Organisationen, in denen maßgeschneiderte Kundenlösungen für individuelle Anfragen und Anforderungen entwickelt werden tun sich schwer mit dem „Aufteilen des Markts“.

Vergangene Woche hatte ich eine sehr interessante Diskussion mit einem Team von Ingenieuren aus einem Unternehmen, das sich mit genau solchen maßgeschneiderten Lösungen beschäftigt. Das Unternehmen hatte festgestellt, dass seine Kostenstruktur bei weitem nicht ideal war.
Zusätzlich machte es auch das optimierte Setup fürs Projektgeschäft schwer bis unmöglich, die entwickelten Dinge (die in der aktuellen Aufstellung im Wesentlichen das Knowhow und die Erfahrung der Mitarbeiter waren) breiter am Markt zu skalieren.
Als ich ihnen ein einfaches zweidimensionales Segmentierungsmodell vorschlug, um die Menge ihrer potentiellen Kunden besser zu strukturieren, rief das einige – was soll ich sagen – „interessante“ Reaktionen in der Gruppe hervor. Diese würde ich als typisch für Unternehmen bezeichnen, die sich vom reinen Projektgeschäft in Richtung Produktgeschäft entwickeln wollen. In diesem Blog möchte ich diese Reaktionen teilen und Hilfestellung geben, wie damit umgegangen werden kann.

Reaktion #1: Angst

Die erste und stärkste Reaktion war ANGST – konkret die Angst, eine Vertriebsgelegenheit mit einem Kunden zu verpassen, der sich nicht exakt einem der von mir vorgeschlagenen Segmente zuordnen ließ.

Das Bild, dass ich gezeichnet hatte, sah in etwa wie folgt aus:

Für die Kollegen aus der Entwicklung und dem Projektmanagement sah das Ganze eher aus wie ein löchriges Fischernetz eines Fischers, der es doch aber gewohnt war, selbst den kleinsten Fisch in seinem Netz zappeln zu sehen. Ihr Unbehagen erwuchs aus der Sorge, dass jede Menge Fische – darunter potenziell auch sehr wertvolle – durchs Netz schlüpfen würden. Wie konnte ich also ihre Bedenken ausräumen? Denn ich verglich meine abgeleiteten Segmente eher mit einem Satz von Fliegenklebern – mit unterschiedlichen Farben und Düften, an denen jeweils ganz bestimmte Gruppen von Insekten kleben bleiben. Oder – um in der Analogie des Fischers zu bleiben – die Segmente als ein Satz unterschiedlicher Köder zu verstehen, die jeweils eine ganz bestimmte Sorte von Fischen anlocken sollten. Dabei habe ich die Köder natürlich nicht zufällig gewählt. Nein – meine Wahl beruhte auf jeder Menge an Erfahrung und Wissen, dass bestimmte Köder eben von ganz bestimmten Fischen bevorzugt werden. Die Wahl der Köder war somit eine ganz bewusste Entscheidung, die ich auf Basis der von mir bevorzugten Fische traf. Denn ich möchte schließlich diejenigen fangen, die am besten schmecken oder – um in Business Terms zu sprechen – die größten Umsätze oder Margen für mich bringen.

Die Angst vor Verallgemeinerung und starren Modellen

Sogar die Mitarbeiter stimmten mir zu. Denn auch sie hielten natürlich gerne nach den größeren Fischen (oder schmackhafteren?) Ausschau und sie bejahten, dass sie durchaus wüssten, welches diese größeren Fische wären.
Trotzdem waren sie zögerlich, Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Fischen (Kunden) zu machen, innerhalb jeder Gruppe eine Ähnlichkeit der Kundenanforderungen oder Kundenprobleme (speziell im B2B Bereich) festzustellen und typische Lösungen anzuerkennen, die gerade die Probleme dieser Gruppe löst. Es könnte ja schließlich ein wichtiger Kunde dabei sein, auf den die Lösung nicht passt. Einen Teil ihrer Bedenken konnte ich ausräumen, indem ich ihnen versicherte, dass wir die meisten Segmente bewusst um die großen Fische herum bauen würden, die sie in der Vergangenheit gefangen hatten. Eine allgemeine Lösung für ein solches Kundensegment wäre in der Regel auch attraktiv für ihre bestehenden großen Kunden, auch wenn sie vielleicht nicht zu 100% ihre Anforderungen treffen würden. Ein gewisses und angemessenes Level an Personalisierung oder Customisation in die DNA einer solchen – generischen – Lösung einzubauen, bringt uns dann einen weiteren Schritt voran, um projektgetriebenen Teams ihre Skepsis gegenüber Marktsegmentierungsmodellen zu nehmen. Wir investieren nämlich an dieser Stelle in einen gemeinsamen Lösungsbestandteil (nennen wir ihn „Plattform“ oder „Referenz-Design“ oder …), welcher für alle Kunden dieses Segmentes attraktiv ist und erweitern das ganze dann noch um die Flexibilität, daraus kundenspezifische Anpassungen abzuleiten. Die Gemeinsamkeiten möglichst früh im Entwicklungsprozess zu finden, ist der Schlüssel hier.

Für das Unternehmen bedarf es einer bewussten Entscheidung, ob sie einen solchen Arbeitsmodus aufnehmen wollen. Er bedeutet gerade am Anfang des Entwicklungsprozesses mehr Zeit und Investitionen (die Gemeinsamkeiten von Kundenanforderungen auszuloten). Diesem Aufwand steht dann jedoch auch die Chance gegenüber, das Geschäft schneller und profitabler zu skalieren. Projektgetrieben Unternehmen tun sich erfahrungsgemäß sehr schwer mit einem solchen Schritt. Oft ist es ein geeigneter Kompromiss, die Vorgehensweise erst mal in einem abgegrenzten Teil ihres Geschäftes aufzusetzen, während der große Teil des Geschäfts nach den bekannten Mustern weiterläuft.
Immer noch nicht überzeugt? Tatsächlich sah ich in den Augen einiger Mitarbeiter immer noch die Angst, dass einiges an kleinen Fischen durchs Netz flutschen und für immer (oder zumindest für die nächste Zeit) verloren wären. Nun, in diesem Fall war es nun an mir, einige Beispiele aufzulisten. Denn Lösungen, die wir gezielt für ein ganz bestimmtes Kundensegment entwickelt hatten, haben in der Regel auch eine gewisse Attraktivität für Kunden, die sich eben nicht genau diesem Segment zuordnen lassen.
Nehmen wir die Automobilindustrie als Beispiel. Für wen wurde der VW Caddy wohl ursprünglich entwickelt? Und wer kauft ihn heute? Für wen war das iPhone ursprünglich gedacht? Und wer sind die Kunden heute?

Gut! Wenn die Argumentation an dieser Stelle immer noch keine Früchte trägt, dann macht es tatsächlich auch Sinn, die Ambition eines Unternehmens, aus dem reinen Projektgeschäft herauszutreten, zu hinterfragen. Vielleicht ist das Unternehmen dann tatsächlich noch nicht reif genug, einige Risiken einzugehen, um danach mit einem stark wachsenden Geschäft belohnt zu werden. In diesem Fall ist es vielleicht besser, beim bekannten Modell zu bleiben – oder wie wir Deutschen auch gerne sagen: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“.

Reaktion #2: Unsicherheit und der Wunsch nach Planbarkeit

Die zweite Reaktion des Teams war nicht direkt Angst, sondern eher ein Gefühl der Unsicherheit oder Bedenken. Meine Gegenüber forderten mich heraus und fragten „Wie kannst Du sicher sein, dass die Achsen, die Du gewählt hast – erinnert Euch an das Beispiel der Weinkäufer vorne – die richtigen sind?“ An der Stelle erklärte ich ihnen, dass es kein reines „Richtig“ oder „Falsch“ gibt, um die richtigen Achsen im Rahmen eines Segmentierungsmodelles zu finden. Das Vorgehen entspricht dabei eher einer Mischung aus Wissenschaft und Erfahrung. „Aber wenn wir andere Achsen wählen, dann kommen wir ja zu komplett anderen Segmenten und woher wissen wir dann …“ war ihr nächster Einwand.
In der Denke der Kollegen aus R&D und Projektmanagement (und ich glaube, das ist ganz typisch), waren sie auf der Suche nach der 100% Lösung. Um die Bedenken hier zu zerstreuen, hilft es, von der Theorie in die konkrete Praxis zu wechseln. Ich forderte das Team auf, Vorschläge zu den Dimensionen (Achsen) einer möglichen Segmentierung in ihrem Bereich zu machen. Die Vorschläge müssten geeignet sein, um Kundensegmente in einer relevanten Art und Weise voneinander abzugrenzen – relevant in Sinne typischer Kundenanforderungen oder Kundenprobleme (eine Abgrenzung aufgrund des Alters des Einkaufsleiters wäre wohl nicht relevant in unserem Sinne 😊). Danach sollten sie an einer Reihe von Möglichkeiten arbeiten, zwei der potentiellen Achsen miteinander zu kombinieren und in das resultierende Koordinatensystem einige typische Kundensegmente einzuzeichnen.

Um beim Beispiel des Fischers und der Fische zu bleiben, könnten ihre Segmentierungsmodelle in etwa wie die folgenden ausgesehen haben.

Die richtige Option für den Geschäftskontext wählen

An dieser Stelle stellen die Leute dann in der Regel fest, dass es mehrere Optionen gibt, die in ihrem spezifischen Kontext Sinn ergeben. Aber es kristallisiert sich immer eine Option, die für ihre Zwecke und für ihr Business am besten passen würde. Diese Möglichkeit lässt sich (in der Regel) nicht über einen Algorithmus finden, der die spezifische Natur des Geschäfts, in dem man tätig ist, nicht berücksichtigt. Ja – es kann extrem hart sein, an dieser Stelle Entscheidungen zu treffen. Und das Team ist vielleicht in Versuchung, ein 10-dimensionales Segmentierungsmodell zu entwerfen (mit 587 Segmenten – die am Ende einen Kreis um jeden einzelnen Kunden reflektieren – also genau das Geschäftsmodell wiedergibt, dem das Unternehmen aktuell folgt).

Es sollte nicht allzu schwierig zu argumentieren sein, dass wir einige Vereinfachungen anwenden müssen, damit unser Modell verständlich („ich versteh’s auf den ersten Blick“) und die Anzahl der Segmente überschaubar bleibt. Mit statistischen Methoden lässt sich (bei Verfügbarkeit von sehr vielen Daten) dann eine Reduktion von Segmenten durch „Clustering“ erreichen. Das wird jedoch in den meisten Fällen absolut overengineered und auch zu teuer sein. Am Ende wollen wir unser Business besser strukturieren und Entscheidungen treffen über Investitionen, die mehr als einen einzigen Kunden glücklich zu machen können.

Reaktion #3: Aber was bringt uns das jetzt?

Nachdem wir uns geeinigt hatten, an einigen unserer Entwürfe für ein Segmentierungsmodell weiter zu tüfteln, folgte Reaktion Nummer 3: „Was sagt uns das jetzt? Was machen wir jetzt damit? Welchen Impact macht das Modell jetzt?“

Ganz ehrlich – das hätte mir nicht passieren sollen und offensichtlich hatte ich einen miserablen Job gemacht. Meine Aufgabe war es doch, vorab ausreichend zu motivieren, warum wir ein solches Segmentierungsmodell erarbeiten sollten, wie es uns helfen kann unser Geschäft voranzubringen und wozu wir es konkret nutzen würden. Nehmt es also als „Best Practice“, nicht zu viel Wissen über das Thema Marktsegmentierung oder Kundensegmentierung vorauszusetzen. Verwendet mehr Zeit am Anfang – mehr als ihr Euch vorstellen könnt – um Sinn und Zweck einer solchen Segmentierung ausführlich zu erklären. Dies hätte eigentlich meine erste Priorität sein sollen und ich hätte die Basics besser erklären sollen, bevor die weiteren Diskussionen im konkreten Umfeld dann folgen. Was wären also meine Antworten auf die Fragen „Was sagt uns das jetzt? Was machen wir jetzt damit? Welchen Impact macht das Modell jetzt?“ gewesen?

Gegenüber Kollegen oder Teams, die es gewohnt sind in einzelnen Kundenprojekte zu arbeiten, können Euch die folgenden Erklärungen nützen:

1. Das gemeinsame Ziel verdeutlichen

Am Anfang sollten wir nochmal klarstellen, dass wir alle das gemeinsame Ziel haben, unser Business zu skalieren. Unser Ziel ist, vorausschauend Entwicklungen vorantreiben, die Nutzen stiften oder Probleme lösen für mehr als einen einzelnen Kunden. Im Wesentlichen sollte es darum gehen, Liefer- oder Lösungsbestandteile anzuvisieren, die wir einmal entwickeln, aber mehrfach verkaufen können.

2. Bisherige Vorgehensweisen hinterfragen

Ist das erst mal geschafft, dann fragt (und dokumentiert die Antworten) in die Runde „Was hat uns in der Vergangenheit denn abgehalten, genau das zu tun?“ und mit hoher Wahrscheinlichkeit werdet ihr Antworten wie die folgenden bekommen.

  • „Der Zeitplan des (späteren) Kunden B hat sich gebissen mit dem Zeitplan des (früheren) Kunden A …“
  • „Nun, im Prinzip wollte Kunde B was ähnliches wie Kunde A, aber das wussten wir ja nicht, als wir die Lösung für Kunde A entwickelt haben, weil die Anfrage von B kam erst viel später …“
  • „Weil wir die Anforderungen von Kunde B bei der Entwicklung für Kunde A nicht berücksichtigt haben, konnten wir auch nicht einfach Teile aus der Lösung für A herausschneiden und sie mit weiteren Teilen für B anreichern …“

Stellt sicher, dass solche Dinge auf den Tisch kommen. Das Team sollte sich einig sein, dass die Vorgehensweise „Lass uns mal sehen, was wir für Kunde A entwickelt haben und checken, ob wir was davon auch für Kunde B, C, D oder E brauchen können …“ NICHT zielführend ist. Sollte so etwas je funktioniert haben, dann ist es eher eine Sache reinen Zufalls in einem projektgetriebenen Markt.
Alle im Team sollten kurz reflektieren, warum in der Vergangenheit kein besserer Ansatz gefunden wurde (vielleicht hat man es einfach nicht versucht …)

3. Gemeinsamkeiten identifizieren

Wenn wir also tatsächlich wegkommen wollen von einem Ansatz reiner „maßgeschneiderter“ Lösungen für einzelne Kunden, müssen wir zwingend ein besseres Verständnis entwickeln über die Gemeinsamkeiten zwischen unseren potentiellen Kunden sowie ihren Anforderungen und Problemen. Die Identifikation dieser Dinge wird uns Zeit und Vorab-Investitionen abfordern für Markt- und Kundenrecherche.

4. Kundensegmente ordnen

Wenn wir dann aber tatsächlich Gemeinsamkeiten/Ähnlichkeiten in Kundenbedürfnissen oder Kundenproblemen gefunden haben, können wir diese Kunden auch einem „Kundensegment“ zuordnen. Haben wir dann den Markt in solche Segmente aufgeteilt, haben wir einen perfekten Startpunkt um gemeinsame Lieferbestandteile (Lösungsbestandteile, Assets, Plattformen, …) zu entwickeln, die für alle Kunden eines Segmentes attraktiv sind. Investitionen können somit über mehrere Kunden geteilt werden und müssen nicht innerhalb eines einzelnen Kundenengagements monetarisiert werden (Was vermutlich unseren Angebotspreis in die Höhe treibt und eventuell zum Verlust des Kunden führt).

5. „Sanity Check“ für das Segment durchführen

Für jedes abgeleitete Segment sollten wir einen „Sanity Check“ machen. Ist das Segment homogen, nachhaltig, groß genug, profitabel und für uns adressierbar? Versucht hierbei z.B. mit einer Top-Down oder Bottom-Up-Analyse das realistische Potenzial in den einzelnen Segmenten abzuschätzen.

6. Segmente priorisieren

Dass wir nun in unserem Markt eine Anzahl von Segmenten identifiziert haben, bedeutet nicht automatisch, dass wir auch alle diese Segmente mit unserem Angebot bedienen müssen. An dieser Stelle sind wir gefordert, NEIN zu sagen zu bestimmten „Business Opportunities“ zugunsten von langfristig besseren Business Opportunities. Es mag gute Gründe geben, ein Segment zu adressieren und ein anderes dafür zu vernachlässigen. Das können zum Beispiel die große Kundennähe oder die verfügbare Technologie für ein Segment sein oder aber fehlender Vertriebskanal, Support Organisation oder Entwicklungskapazitäten auf der anderen Seite. Unser Anliegen muss es sein, Investitionen dahin zu leiten, wo sie uns den größten Erfolg versprechen. Damit sollten wir für jedes Segment auch verstehen, welchen Teil des Marktes (in %, € oder $) es repräsentiert.

7. Das Segmentierungsmodell konsequent anwenden

Es gibt viele Antworten auf die Frage „Ja, und was machen wir jetzt mit dem Segmentierungsmodell? Ist das nicht nur Theorie?“

  • A) Der wichtigste Grund wurde bereits genannt – wir nutzen es, um zu verstehen und zu entscheiden, auf welche Kunden wir unser Angebot abzielen.
  • B) Wir sollten das Modell kontinuierlich heranziehen um gesamtheitlich über unseren Investitionsfokus zu entscheiden – in R&D, Vertrieb, Marketing, Produktion, Support usw. Das Wissen über Bedürfnisse und Probleme der Segmente wird uns nicht nur helfen zu entscheiden, WO (in welches Segment) wir investieren wollen, sondern WAS (Plattformen, …) wir schaffen wollen über Vorab-Investitionen in Lösungen, welche die von uns ermittelten Kundenbedürfnisse und -probleme adressieren.
  • C) Wann immer wir im Zweifel sind, ob wir uns auf ein bestimmtes Kundenengagement einlassen sollen, können wir das Modell heranziehen, um zu beurteilen, ob der Kunde und seine Anfrage zu dem passen, was die Kunden aus unseren Zielsegmenten typischerweise fordern. Falls nein, bewegen wir uns wahrscheinlich in eine Sackgasse und die Lösung kann nur einmal verkauft werden.
  • D) Unser Modell unterstützt den Rest der Organisation, unseren Kundenfokus zu verstehen und die richtigen Kommunikationskanäle und Botschaften zu wählen. Den Vertriebskanälen hilft es, einem Kunden ein passendes Angebot zu machen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit, ein Bedürfnis oder Problem des Kunden adressiert als der Ansatz – und glaubt mir ich sehe das viel zu oft – „Lass uns dem Kunden mal alles erzählen, was wir in der Vergangenheit so gemacht haben …“
  • E) Unser Segmentierungsansatz hilft uns, unser Angebot und unsere Lösungen in einer strukturierten Art und Weise innerhalb und außerhalb des Unternehmens zu kommunizieren. Den Startpunkt bildet dabei immer Das Segment und dessen Bedürfnisse oder Probleme und von dort bilden wir die Brücke zu den Lösungen, die wir speziell für dieses Segment konzipiert und entwickelt haben. Eine solche Vorgehensweise verspricht größere Erfolge als der allzu oft verwendet „One Size Fits All“ Approach.

 

Die Reaktionen #1 bis #3 stellen ein durchaus übliches Szenario dar in Unternehmen, die vom Projektgeschäft ins Produktgeschäft streben. Eine Wandlung im „Mindset“ solcher Unternehmen ist dabei genauso notwendig, wie der Aufbau von Marktwissen und Prognosen über zukünftige Geschäftsaussichten. Ein Segmentierungsmodell ist dabei ein wertvoller Bestandteil, die Sicht auf den Markt zu strukturieren und Entscheidungen über zukünftige Vorab-Investitionen zu treffen.

Thomas Moder – ProduktManageMentor Trainer und Mentor